In den vergangenen Jahren hat sich deutlich verändert, wie Unternehmen Freelancer wahrnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten. Wertschätzung und Dauer der Zusammenarbeit sind gestiegen. Für Freelancer entstehen neue Wege zur Kundengewinnung, die über Recruiter und klassische Marktplätze hinausgehen. Und neue Anbieter konzentrieren sich darauf, ihnen das Arbeitsleben leichter zu machen.

Vom “Söldnermarkt” zum Expertenmarkt

In der Vergangenheit waren Freelancer für Unternehmen vor allem dazu da, Nachfrage-Peaks oder größere Ausfälle unter den Mitarbeitern abzufedern. Sie wurden kurzfristig an Bord geholt und sollten oft genauso schnell wieder verschwinden, wenn Normalität einkehrte. Ihre Aufgaben waren dieselben wie die der angestellten Mitarbeiter und sie dienten als Vertretung oder Verstärkung. Ähnlich wie Söldner wurden sie für klar definierte Tätigkeiten unter Vertrag genommen – ihre Beratungsleistung als Experten war nicht gefragt.

Das sieht heute ganz anders aus: Freelancer sind mittlerweile zum festen Bestandteil der Workforce-Planung geworden. Unternehmen kommen nicht mehr um sie herum, wenn sie mit den besten Talenten arbeiten wollen und ihre Projekte schnell starten möchten. Während die Einstellungszeiten für einen neuen Entwickler Monate betragen können, kann ein Freelance-Developer innerhalb von Tagen loslegen.

Zudem bringt er eine perfekt auf das Projekt abgestimmte Expertise mit und bereichert das Team dadurch besonders. Unternehmen lernen gerade den zweiten Aspekt zu schätzen und entscheiden sich auch unabhängig von der Kapazitätslage für Freelancer mit Expertenwissen. Diese werden dann gerne für längere Projekte verpflichtet und freuen sich ihrerseits über Planungssicherheit. Die Pandemie hat Remote Work, verteilte Teams und digitale Zusammenarbeit zur Normalität gemacht und dadurch die Umstände für die Arbeit mit Freelancern verbessert.

Die Macht verschiebt sich in Richtung der Talente

Während wir der Vollbeschäftigung immer näherkommen, verändert sich der Arbeitgebermarkt hin zu einem Arbeitnehmer- oder Talentmarkt. Egal ob Angestellte oder Freelancer: Talente können immer mehr selbst entscheiden, wie, wann und für wen sie arbeiten wollen. Selbstverwirklichung wird zum Zweck der Arbeit, womit wir an der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide angekommen sind. In den USA kündigen in der als “Great Resignation” bekannten Bewegung zahlreiche Arbeitnehmer ihre Jobs auf der Suche nach mehr Sinn.

Diese Entwicklungen machen Freelancing als Karrierepfad attraktiver: Mehr Flexibilität und Selbstbestimmung und gleichzeitig eine höhere Nachfrage aufseiten der Unternehmen, die die entstandenen und wachsenden Lücken füllen müssen. Besonders IT-Freelancer sind gefragt und können sich ihre Projekte mittlerweile oft aussuchen. Dadurch gestalten sie ihren Arbeitsalltag spannend und abwechslungsreich. Unternehmen müssen dieses veränderte Machtgefälle akzeptieren und Freelancern gute Bedingungen bei der Zusammenarbeit bieten.

Schon seit längerer Zeit findet ein Anstieg der Freelancer-Zahlen statt. Zum Beispiel ist die Zahl der selbstständigen (Freelancer) in Deutschland in den Jahren von 1992 bis 2021 von 514.000 auf 1,46 Millionen gestiegen und hat sich damit fast verdreifacht. Zahlen einer Statista-Umfrage aus den USA zeigen, dass 50 % der Gen Z bereits als Freelancer arbeiten, dicht gefolgt von den Millennials mit 44 %. Es ist also wahrscheinlich, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Früher: Kundengewinnung über Recruiter

Werfen wir einen Blick zurück in die Vergangenheit: Früher fanden Freelancer ihre Projekte in der Regel über Kontakte oder über klassische Recruiter. Diese waren von den Unternehmen beauftragt und wurden von ihnen bezahlt. Deshalb war ihre Arbeit vor allem darauf ausgerichtet, ihre Kunden zufriedenzustellen und schnell passende Talente für sie zu finden. Häufig hatten die Recruiter kurze Verweildauern und es gab keine Überprüfung des Erfolgs beim Kunden. Für Freelancer war die Erfahrung meist nicht besonders gut.

Dann: Marktplätze kommen auf

Später übernahmen Freelancer-Marktplätze einen Teil der Vermittlungsarbeit. Auf Portalen wie Upwork, Fiverr oder Freelancer.com können Talente ihre Services anbieten und von Unternehmen direkt gefunden und beauftragt werden. Wie auch in anderen Bereichen bringen Marktplätze Transparenz in den Markt und drücken dadurch die Preise. Die klassischen Portale dieser Art funktionieren eher für kleinere Aufträge gut.

Besonders erfolgreich sind sie, wenn sie internationale Arbitragen ausnutzen, also Kunden aus Ländern mit höheren Löhnen und Lebenshaltungskosten Dienstleistungen aus Ländern mit niedrigeren Kosten einkaufen. Dadurch sind die Marktplätze für viele deutsche Freelancer ein weniger attraktiver Akquisekanal, weil sie sich in diesem Preiskampf nicht durchsetzen können und wollen.

Entwicklung kuratierter Marktplätze mit Fokus auf Talente

In den vergangenen Jahren kam zusätzlich eine neue Kategorie auf: kuratierte Marktplätze. Diese arbeiten ähnlich wie ein Recruiter, indem sie dem Kunden ausgewählte Talente vermitteln. Sie greifen dabei aber auf einen Pool von kuratierten Talenten zurück, die sich auf dem Marktplatz angemeldet haben und dafür häufig einen Auswahlprozess durchlaufen müssen. Thematisch sind diese Marktplätze spezialisiert. Beispiele sind Toptal für IT-Freelancer, COMATCH für freie Berater oder ScribersHub für selbstständige Texter.

Mit meinem Unternehmen CodeControl habe ich ebenfalls einen solchen Marktplatz für Tech-Freelancer aufgebaut. Oft fokussieren sich diese Portale stärker auf die Talente und darauf, ihnen eine gute Erfahrung zu bieten. Bei CodeControl organisieren wir zum Beispiel Community Events, bieten rechtliche Unterstützung und bezahlen die Talente pünktlich – unabhängig vom Zahlungseingang des Kunden. Denn auch bei den Marktplätzen gilt: Top-Freelancer können sich aussuchen, wo sie sich anmelden und wo sie Aufträge annehmen. Das tun sie dort, wo sie einen Mehrwert über die reine Vermittlung von Aufträgen hinaus vorfinden.

Trend: Mischung aus Marktplätzen und SaaS-Plattformen

Die neueste Entwicklung, die wir auf dem Freelancer-Markt beobachten können, ist eine Hybridform zwischen Marktplätzen und Software-as-a-Service-Plattformen. Das kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. Manche Anbieter konzentrieren sich ausschließlich auf die Unterstützung von Freelancern bei der Zahlungsabwicklung, wie zum Beispiel Xolo oder Sonnovate. Andere stellen eine neue Form von sozialen Netzwerken dar und ermöglichen es Freelancern, aussagekräftige Profile zu erstellen, beispielsweise Contra und Polywork.

Mit unserer neu entwickelten eigenen Plattform 9am wollen wir uns dieser Entwicklung anschließen und mit einer ganzheitlichen Lösung bei allen Bereichen des Freelancer-Lebens unterstützen. Einerseits können Talente bei uns neue Aufträge finden, andererseits aber auch ihre bestehenden Kunden verwalten, sich mit anderen Freelancern vernetzen und sich weiterbilden.

Fazit: Neues Ansehen, neue Kanäle, mehr Unterstützung

Freelancer genießen mittlerweile zum Glück ein ganz anderes Ansehen als früher. Sie sind nicht mehr die Feuerwehr, die bei unvorhergesehenen Zwischenfällen aushilft. Vielmehr werden sie als Experten angesehen und Unternehmen sind zunehmend an einer langfristigen Zusammenarbeit mit ihnen interessiert. Die Wege, auf denen sie Kunden finden, haben sich von Recruitern und klassischen Marktplätzen hin zu spezialisierten kuratierten Marktplätzen und neuartigen Plattformen entwickelt. Dort finden sie auch eine Community und Unterstützung bei anderen Aspekten des Freelancer-Daseins.

Share.

Marc Clemens ist Gründer und CEO von CodeControl und 9am. Er ist Serial Entrepreneur und studierte an der Universität St. Gallen und der HEC Paris. 2016 gründete er CodeControl, einen kuratierten Marktplatz und eine Community der besten Tech-Freelancer Europas. Mit 9am hat er eine Plattform aufgebaut, die einfache Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Freelancern ermöglicht.

Leave A Reply

ITFM-Logo-RED005-dummy

IT Freelancer Magazin Newsletter

Verpasse keine IT Freelancer News mehr! Jetzt zum Newsletter anmelden.

IT Freelancer Magazin F-Icon