Learnings für IT-Freelancer aus dem Buch

IT Freelancer Magazin: Sie haben Ende August das Buch „New Work Bullshit – Was wirklich zählt in der Arbeitswelt“ (*) beim FAZ Verlag veröffentlicht. Was können IT-Freelancer aus diesem Buch mitnehmen?

Carlos Frischmuth: New Work ist in Deutschland in aller Munde. Vor allem HR-Manager, also die „Personaler“, aber auch Geschäftsführer, Vorstände und sonstige Manager beschäftigten sich damit. Auch in neuartigen Unternehmensstrukturen wie den sogenannten Innovations Labs oder „People & Culture“ Bereichen spricht man intensiv darüber. Da IT-Freelancer als Externe für temporäre Projekte in die Kunden- bzw. Auftraggeberorganisationen eintauchen, haben sie in der Regel nicht viel Zeit sich mit der Gesamtorganisation auseinanderzusetzen. Es gilt oft schnell Ergebnisse zu erbringen, denn dafür wird man als Externer beauftragt und bezahlt. Man steht nicht selten in Konkurrenz zu internen Strukturen oder anderen Auftragnehmern. Insofern gilt es also die Phänomene in der Organisations- und Arbeitswelt, wie zum Beispiel New Work, grundsätzlich zu kennen und einordnen zu können.

Wer Organisationsdynamiken und die agierenden Menschen dahinter besser versteht, kann sich quasi auch selbst wirksamer in der Zielorganisation „anwenden“. Das gilt natürlich auch für IT-Freelancer. Mein Buch liefert eine kritische Analyse was in den Unternehmen mit New Work passiert und auch welche Antworten darauf zu finden sind. Ich glaube IT-Freelancer können von diesem tiefen Einblick profitieren und das mit ihren eigenen Beobachtungen und Erkenntnissen abgleichen. Ich beleuchte in einem eigenen Kapitel das Thema Kommunikation in Unternehmen und was da schiefläuft. Darin sind übrigens auch viele Beschreibungen aus meinem eigenen Freelancer Netzwerk eingeflossen. Natürlich nicht nur Kritik, sondern auch was wir alle als Akteure besser machen können. IT-Freelancer sind in neben ihrem Fach-Skill oder Schwerpunkt immer auch Unternehmer und gerade in dieser Rolle unterschätzen sie oft das Thema Kommunikation, beispielsweise in der Projektakquise oder wenn Schwierigkeiten im Projekt auftreten. Auch hier liefert das Buch einige Einblicke in Best Practices.

Das „Warum?“ hinter „New Work Bullshit“

IT Freelancer Magazin: Herr Frischmuth, wieso haben Sie dieses Buch überhaupt geschrieben – ist Ihnen neben Ihrer Managertätigkeit bei Hays und Vorstandsrolle im Bundesverband für selbständige Wissensarbeit denn langweilig?

Carlos Frischmuth: Ach, das „Warum“ ist ein sehr langer Prozess, wie so oft. Eine Regelschwangerschaft hat 9 Monate, bei mir hat die Geburt des Buches etwas länger gedauert. Mindestens 2-3 Jahre. Ich bin als Praktiker und Manager ja selbst viele Jahre in diesem „Business Theater“ der Wirtschafts- und Arbeitswelt unterwegs. Das macht viel Spaß und ich kann jeden Tag etwas Neues lernen. Aber umso länger man auf dem Spielfeld unterwegs ist, umso klarer wird einem auch, wie oft irgendwelche Moden und Hypes um die Ecke kommen. Die große Umwälzung der Arbeitswelt à la New Work wurde immer wieder heraufbeschworen. Umso stärker New Work oder neuerdings im Zuge der Corona Pandemie das New Normal in der Managementliteratur und in den Unternehmen diskutiert wurde, umso kritischer wurde ich selbst diesen Begriffen gegenüber. Führen wir uns das einmal deutlich vor Augen: in einer Pandemie, welche gleichzeitige eine der größten Krisen in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist, rufen Unternehmen das NEW NORMAL aus. Das was wir gerade erleben soll eine Normalität, eine neue Normalität sein, wirklich? Nein, da sage ich Bullshit. Und zurück zu New Work. Dieser Begriff, geprägt von dem Philosophieprofessor Frithjof Bergmann rund um die Detroiter Automobilindustrie der 70er Jahre, ist im Ursprung nunmehr 40 Jahre alt. Also, neu ist da nichts dran, nochmal Bullshit! Und wenn das einem dann als Praktiker die ganze Zeit im Kopf läutet, dann muss man sich mal hinsetzen und das Thema komplett aufrollen. Das Buch ist – trotz des provokanten Titel – keine pauschale Abrechnung mit New Work oder anderen Phänomen in der schönen, neuen Arbeitswelt, sondern eine kritische Beobachtung, welche einen Beitrag zu Reifung der Debatte leisten kann und soll. Auf Social-Media-Kanälen, wie beispielsweise LinkedIn, findet das auch seit Veröffentlichung statt. Genau dafür hat es sich schon gelohnt, auch wenn man dafür Kritik einstecken muss, das gehört dazu.

Die Realität in den Unternehmen- „Scrumismus“ als organisatorisches Krankheitsbild

IT Freelancer Magazin: Sie desillusionieren den Leser ja regelrecht über Scrum, Kanban, Design-Thinking – sprechen gar von Cargo-Kult und dem fiktiven, organisatorischen Krankheitsbild „Scrumismus“ in diesem Zusammenhang. Verdienen nicht viele Unternehmen, darunter auch die Agenturen und Freelancing-Provider, gutes Geld mit diesen Cargo-Kulten?

Carlos Frischmuth: Vorsicht, im Buch werden agile Methoden nicht per se verunglimpft. Das Kapitel im Buch, welches Sie ansprechen, erwähnt die Entstehungsgeschichte des agilen Manifests und beschreibt dann beispielhaft einige Methoden, die man heute darunter fassen kann, so wie das Scrum Framework. Ich warne dann nur vor der unglaublichen Überhöhung dieser teilweise pseudo—modernen Methoden und den Erwartungen die damit in Unternehmen aufgebaut werden. Diese Erwartungen können teilweise in vielen Projekten doch gar nicht erfüllt werden. Und wir alle wissen was dann kommt: Enttäuschung! Gegenfrage: war das V-Modell denn wirklich so ein Mist? Nein, es ist doch nur eine Methode, die vielleicht genau so überhöht wurde wie jetzt Scrum oder Kanban. Bei IBM wurde schon in den 60er Jahren agil programmiert, da hieß das noch iterative, inkrementelle Entwicklung, kurz IID. Manche glauben sogar, dass die ersten Mondlandungen der Amerikaner nur möglich waren, weil man quasi „agil“ gearbeitet hat in vielen Teams. Nur das Marketing dazu war nicht so gut.

Kommen wir aber in die Jetzt-Zeit. Fakt ist, dass viele Organisationen und viele IT-Abteilungen und Entwicklungsteams viel zu schlecht methodisch ausgebildet und aufgestellt sind, um sauber agil mit einem Scrum Framework o.ä. zu arbeiten. Und dann entstehen sogenannte Cargo-Kult Phänomene, in denen Projekte die Überschrift „AGIL“ bekommen. Aber im Grunde werden Wasserfall-Strukturen und weitere Begriffe aus diesen Methodenbaukasten – beispielsweise altbackene Requirements sind jetzt plötzlich sogenannte Stories – nur umgeschrieben. Man inszeniert SCRUM, so wie Einheimische – im Rahmen von Cargo Kulten – auf irgendwelchen verlassenen Inseln aus Strohmatten Flugzeuge bauen oder aus hölzerne Funkgeräte-Imitate schnitzen. Da sage ich dann erneut Bullshit und möchte den Unternehmen, aber auch den IT-Freelancern zurufen, sich nicht für diesen „Scrumismus“, hier in der Tat als eine Art organisatorisches Krankheitsbild zu verstehen, herzugeben. Denn im schlimmsten Falle führt das dann irgendwann zu einem Negativbild von agilen Methoden, weil man das Ganze ins Lächerliche zieht oder einfach die Erwartungen im Management oder auf Auftraggeberseite nicht erfüllt werden. Und das haben diese Methoden wiederum auch nicht verdient, denn richtig eingesetzt in dieser immer schnelleren IT-Welt sind sie natürlich äußerst wertvoll.

Skill-Shift- Kompetenzveränderung durch technologischen Fortschritt

IT Freelancer Magazin: Sie schrieben in Ihrem Buch über den sogenannten Skill-Shift. Was hat es damit auf sich und was leiten Sie daraus ab?

Carlos Frischmuth: Das ist aus meiner Sicht auch für die IT-Freelancer Community ein ganz wichtiges Thema. Jeden beschäftigt das irgendwie im Hintergrund, aber nur wenige setzen sich wirklich aktiv damit auseinander, es passiert quasi für viele nebenbei. Gemeint ist hinter diesem verschwurbelten Anglizismus das Thema der Kompetenzveränderung und damit auch der veränderten Anforderungen in vielen Jobs und natürlich auch Projekten. Die Debatte um den Skill Shift hat vor einigen Jahren richtig Schwung bekommen, als zwei amerikanische Stanford Professoren eine Studie vorgelegt haben, welche das Verschwinden von 47 % aller Jobs in den USA in den kommenden 20 Jahren prognostizierte. Die einfache Begründung dahinter: die Kompetenzen, die hinter diesen Jobs stehen, werden einfach nicht mehr gebraucht, weil Maschinen, Algorithmen oder eine höhere Intelligenz (KI) sie erfüllt. Ich halte die Zahl für übertrieben und es gibt neuere Studien, auch mit Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt, die das relativieren. Dennoch: die These dahinter ist ernst zunehmen. Und ein gutes Beispiel hatten wir übrigens gerade erwähnt. Seit wann gibt es eigentliche die „neue Rolle“ des Scrum Masters? Die gab es ja so nicht schon in den 90ern. Richtig, da ist also ein neuer Skill oder ein neues Kompetenzprofil entstanden.

Das bekannte Beispiel von aussterbenden Skill-Gebieten ist nicht nur für viele IT-Freelancer, die sich früher darin getümmelt haben, der Mainframe Bereich. Schauen wir in die große SAP-Welt. Heute dominiert SAP-Hana. Hiermit tun sich im Rahmen des Skill-Shift allein in diesem Segment viele klassische SAP-Berater, die noch aus der modulorientierten SAP R/3 oder gar R/2 Welt kamen, sehr schwer. Fazit auch hier: dranbleiben! Im empfehle jedem IT-Freelancer neben den klassischen „Tekki-Skills“ auch an Projektmanagement- und Kommunikationsskills dranzubleiben. Wenn John Kotter, der Change Guru, oder Tom DeMarco, einer meiner Projektmanagement-Idole der 90er Jahre, Recht behalten, dann scheitern mehr als 50 % aller Projekte irgendwie immer noch an der Mensch-zu-Mensch Interaktion. Also, wer hier für sich investiert, kann nicht falsch liegen. Das sagen übrigens alle Studien aus diesem Feld, es muss also etwas dran sein.

Lösungsansätze: „Was wirklich zählt in der Arbeitswelt“

IT Freelancer Magazin: Das Buch ist ja nicht nur kritisch in puncto New Work und dem Hype darum, sondern bietet vor allem auch Lösungsansätze. Welche würden Sie unseren Lesern dazu ganz besonders an Herz legen?

Carlos Frischmuth: Mir geht es in der Tat darum, den Fokus auf das auszurichten „Was wirklich zählt in der Arbeitswelt“. Uns bringen doch so große, diffuse Begriffswolken wie New Work nicht wirklich weiter. Was soll ich als Praktiker daraus ziehen, was kann der IT-Freelancer daraus ziehen? Mein Credo ist auf den Punkt gebracht: Schluss dem Fake-Talk und der Kulissenschieberei in den Unternehmen und den Projekten. Wir können nicht Unternehmen oder auch Projekte mit neuer Farbe tünchen und behaupten „Das ist jetzt neu!“, aber innen drin machen wir mit dem alten Bullshit einfach so weiter.

Ich möchte die Leser, aber damit auch die IT-Freelancer Community ermutigen, die Missstände und diese unglaublichen, politischen Befindlichkeiten und Dramen die sich in manchen Organisationen – große UND kleine – dazu abspielen, auch anzusprechen. Ja, das ist schwierig, das muss manchmal diplomatisch und sehr dosiert sein. Aber ich weiß von vielen Selbständigen, die bewusst nicht mehr selbst in diesen Organisationen angestellt sein wollen, weil sie keine Lust mehr haben auf diese übergriffigen und wenig wertschätzenden Unternehmenskulturen. Nicht selten wird ihnen unterstellt, dass es nur um den monetären Anreiz ginge, warum sie sich selbständig gemacht haben. Geld ist sicherlich ein Faktor, aber ein wesentlicher Aspekt ist auch, weil sie keine Lust hatten auf die allzu oft erlebte Bullshit-Unternehmensfolklore und die Unwirksamkeit die daraus entstehen kann. In den oberen Etagen die großen Parolen von Vision und Kultur, unten dann Silo und Politik in der Hierarchie, so dass die besten Projekte darin regelrecht ersticken. Und hier müssen bzw. sollten diejenigen, die das erleben und erkennen, gerade weil sie als Externe einen unabhängigen Blick darauf haben, auch auf die Missstände hinweisen. Damit kommen wir dann idealerweise gemeinsam, Stück für Stück, zu einer besseren Wirtschafts- und Arbeitswelt. Wie das dann heißt, ob New Work, New Normal, New whatever…ist dann doch egal. Aber bis dahin haben wir alle noch einen weiten Weg zu gehen – da bin ich frei von jeglicher Illusion – aber wir sollten ihn hier und jetzt antreten!

Liebe Leserinnen und Leser des IT Freelancer Magazins: Es gibt auch etwas zu gewinnen! Die beiden ersten Kommentatoren auf LinkedIn, die einen Begriff aus der schönen neuen Arbeitswelt posten, der bei ihnen Bullshit-Alarm auslöst, bekommen ein handsigniertes Exemplar von Carlos Frischmuth geschenkt!

(*) Wer in das Buch einmal reinschauen möchte: New Work Bullshit: Was wirklich zählt in der Arbeitswelt

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Michael Wowro war von 2015 bis 2021 Herausgeber des IT Freelancer Magazins. Dieses Amt hat er zugunsten seines Unternehmens für 3D-Visualisierung von Messdaten else42 GmbH an Hays übergegeben. Er freut sich auf eine Kontaktaufnahme via LinkedIn!

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