In diesem Beitrag für das IT Freelancer Magazin möchte ich heute darüber reflektieren, wie sich in den letzten 25 Jahren die Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für Freelancer speziell in der IT-Branche verändert haben.

Früher: IT-Freelancer – der freiberufliche Dienstleister zwischen Herstellern und Kunden

Vor 25 Jahren waren Selbständige in der IT-Branche zumeist die Schnittstelle zwischen dem Endkunden oder dem Anwender. Gerade bei der Arbeit für kleinere Firmen, Handwerker und andere selbständig Tätige war dies der Fall. Aus Sicht der Hardware- und Software-Hersteller sollten die Handels- und Servicepartner auch genau diese Aufgabe erfüllen. Auf vielen der jährlich organisierten Treffen der Händler und Fachhandelspartner (kleinere IT-Freelancer), wurde immer wieder betont: Neben den Anschaffungskosten für die Hardwareprodukte oder Softwarelösungen, konnten sich die Partner durch eigene Festsetzung von Preisen ihre regionale Nische sichern, indem sie Ihre Zusatzdienstleistungen für die Einrichtung vor Ort, die Schulung der Mitarbeiter des Kunden, die schnellere Erreichbarkeit und Verfügbarkeit durch regionale Nähe anboten. So war es auch für viele Jahre.

In der Funktion als regionaler Ansprechpartner, Vertrauensperson, Konzeptgeber für die individuelle Lösungen war der Freelancer in gewisser Weise ein tatsächlich ein freiberuflich Tätiger, der aufgrund seines Wissens und seiner Fähigkeit kundenorientiert individualisierte Lösungen zu realisieren kontaktiert wurde. Entsprechend der Komplexität und Wünsche des Kunden konnte der Freelancer sein Stundenhonorar, seine Einrichtungsdienstleistungen und sein Preisschema für Wartungsverträge frei festlegen. Die Hardware und Software wurden zu festen Preisen zugekauft, gingen in den Besitz des jeweiligen Kunden über, und hatten zumeist gemäß steuerlicher Abschreibungsfristen Erneuerungsbedarf.

Die Kundenbindung direkt an die Hersteller wird durch Abo-Modelle verstärkt

Mit der Zeit haben sich die Vermarktungskonzepte der Hardware- sowie der Software-Hersteller stark gewandelt. Dem Endkunden wurde es immer weniger überlassen, selbst über Fristigkeiten zu entscheiden, das heißt den Grad der Erneuerung von Hardware oder Software selbst festzulegen. Stattdessen wurde der Kunde zunehmend mit dem Argument, Software müsse kontinuierlich erneuert und aktualisiert werden, an Abo-Modelle seitens der Softwarehersteller gebunden. Heute ist dies weitgehend nicht mehr vermeidbar. Dieser Aussage kann insofern zugestimmt werden, dass im Zeitalter permanenter Anbindung an das Internet, und damit der Gefahr von äußeren Angriffen auf die Software der Kunden, die Hersteller mit „Lückenstopfen“ gar nicht mehr hinterherkommen. Das Zeitalter gekaufter Programme, die einmal freigeschaltet über Jahre nutzbar waren wird als eine veraltete Vorstellung der Offline-Welt angesehen.

Doch auch die Hardware-Hersteller haben für sich erkannt, dass eine kontinuierliche Produktion neuer Geräte-Generationen nur dann gewinnbringend und erfolgversprechend funktionieren kann, wenn der Austausch der Geräte regelmäßig und zuverlässig bei den Nutzern erfolgen würde. Vor ungefähr zehn Jahren ist diese Erkenntnis gereift, insbesondere im Blick auf die gewerblichen und selbständigen Kunden, weniger im Blick auf den einzelnen Endverbraucher. Bei diesem gilt der Sinn und Bedarf nach einer regelmäßigen Erneuerung von Hardware bis heute eher als Luxusproblem, denn als Notwendigkeit für die tägliche Arbeit. Im Zuge der laufenden Erneuerung der beruflich zu nutzenden Software stiegen auch die Anforderungen an die Hardware und so in der Folge auch deren kontinuierlicher Erneuerungsbedarf. Vor allem dann, wenn die Performance auf der technischen Seite nicht unmittelbar die Effektivität, auf Seiten der Mitarbeiter ausbremsen sollte. Es entstanden neue Begrifflichkeiten wie DaaS (Desktop as a Service) und SaaS (Software as a Service).

Somit haben viele große Hardware-Hersteller unter dem Namen „Desktop as a Service“, wie zuvor die Softwarehersteller ebenfalls ein Abo-Modell erfunden. Der Einwand an dieser Stelle mag berechtigt sein, wenn darauf verwiesen wird, dass früher mittlere und größere Unternehmen in einer ähnlichen Variante solch ein Modell als Leasing kannten.

Grundsätzlich ist aus der Perspektive der Hardware- und Software-Hersteller im Blick auf den Wandel weg von Verkaufs- und Eigentumsmodellen hinzu Abo-Services mit kontinuierlicher Erneuerungszusage nichts auszusetzen.

Die freie Preisgestaltung der IT Freelancer-Dienstleistungen wird schwieriger

Für den IT-Freelancer hat diese Entwicklung jedoch massive Auswirkungen: In den öffentlich zugänglichen Preislisten der Hersteller, mit monatlichen Kostenrahmen von unterschiedlichem Umfang und forcierte Harmonisierung des Preisgefüges sind bereits Support Dienstleistungen enthalten.

Somit stellt sich zunehmend die Frage für den Kunden des Herstellers, welche Rolle der regionale IT-Freelancer oder das lokale IT-Systemhaus noch spielen soll?
Der Wunsch nach Individualisierung und individueller Anpassung von Bedienelementen hat zunehmend an Wichtigkeit verloren, auch weil in der Fülle der Fähigkeiten der Geräte wie auch der Software die meisten Nutzer ohnehin überfordert sind. Zudem hat die wirtschaftliche Situation seit der Finanzkrise 2008 und in den folgenden sehr wechselvollen wirtschaftlichen Zeiten dazu geführt, dass der Gedanke, selbst Eigentümer von Hardware und Software zu sein, in den Hintergrund gerückt ist.

Für Unternehmen wurden Investitionen in Produkte und Güter im IT-Sektor zunehmend unattraktiv, weil damit Auflagen zur Abschreibung verbunden sind. Somit wurde zunehmend der Wandel zu laufenden Miet- oder Abonnement-Modellen als hilfreich angesehen, um Ausgaben in kleineren laufenden Posten einplanen zu können und höhere Investitionssummen zu vermeiden.

Es bleibt weiterhin die Frage: Welche Schnittstelle bildet heute der IT-Freelancer, das kleine Systemhaus, der regionale Partner vor Ort, der vor 25 Jahren die Hardware und die Software eingerichtet hat, so dass der Nutzer direkt starten konnte, ohne sich mit Installationswegen auskennen zu müssen. Kann der Nutzer heute mehr? Sind die Fähigkeiten nicht mehr so notwendig wie damals, weil die Bedienung einfacher geworden ist? Können die von den Herstellern vorgehaltenen Mitarbeiter in den Support-Hotlines die Funktion der Ersteinweisung übernehmen?

Wird der IT-Freelancer zur „Problem-Feuerwehr“, zum Notdienst, wenn Hotlines nicht mehr helfen?

Der IT-Freelancer ist normalerweise immer noch der erste Ansprechpartner, wenn es darum geht, bei auftretenden Problemen Hilfe zu suchen. Nur leider ist es oftmals der Fall, dass diese Hilfe nicht separat honoriert wird. Es wird mit der Erwartungshaltung seitens des Kunden verknüpft, dass der regionale Partner – als indirekter Vertreter des jeweiligen Hardware-Herstellers oder Softwareanbieters -für seine zusätzliche Hilfestellung vom Hersteller entlohnt würde. Leider jedoch sind solche Vereinbarungen mit Hardware- wie auch Software-Herstellern, nach meiner Kenntnis nur begrenzt auf wenige große namenhafte Systemhäuser, die in der Regel nicht den kleinen Selbständigen, den Handwerker, den Rechtsanwalt oder Steuerberater, sondern andere mittelständische oder Großunternehmen in ihren IT-Belangen betreuen.

Insofern stellt sich immer noch die Frage: Welche Rolle spielt heute der IT-Freelancer, der von seinen Kenntnissen leben muss?

Der Wunsch nach Individualisierung einer IT-Lösung ist kleiner geworden. Die seitens der Hersteller präsentierten Preise für Hardware und Software-Bereitstellung und Aktualisierung decken in keiner Weise den Zeiteinsatz und Aufwand eines individuellen IT-Freelancers, wenn er dem Kunden eine ähnliche Lösung bereitstellen möchte.

Die Hersteller haben die Möglichkeit, über die Masse der Kunden und die Bündelung der Supportanfragen in Hotlines oder bei Sub-Unternehmern, die im Auftrag der Hersteller im Servicefall ausrücken, die Gesamtkosten für den Service auf viele Schultern zu verteilen.

Das Leben als Freelancer: Wieder verknüpft mit Kreativität und neuen Freiheiten, abseits von regionalen Bindungen und 24/7 Servicebereitschaft

Also bleibt für den IT-Freelancer nur die individuelle Ansprache des Kunden mit guter Erreichbarkeit außerhalb der regulären Hotline-Zeiten oder üblichen Servicefristen.

Vielleicht ist dieses Modell längst aus der Zeit gefallen. In einer Analyse der KfW-Research bezüglich des KfW-Gründungsmonitors wurde festgestellt, dass nur 24 % der Erwerbsfähigen unter 30 sich noch die berufliche Selbständigkeit wünschen, während 74 % eine Anstellung (+3 Prozentpunkte) präferieren.

Vielleicht ist es auch so, dass sich das Freelancer-Konzept in ein Konzept der zeitlichen und geografischen Unabhängigkeit (wie bei Digital Nomaden) im Lebensalter zwischen 20-35 Jahren wandelt, bevor die Familienphase mit zumeist geografischen und sozialen Bindungen einsetzt. Andererseits scheint sich schon länger die Lebens- und Arbeitsweise des Freiberuflers in den unterschiedlichen Branchen in Auflösung zu befinden. Dabei blicke man auf die Bereiche der niedergelassenen und freiberuflich selbstständigen Rechtsanwälte, Steuerberater und Ärzte. Schon seit 15 Jahren hat in diesen Berufen ein Konzentrationsprozess eingesetzt, der sich weg von der selbstverantworteten Freiberuflichkeit und dem Einsatzwillen mehr als 40 Stunden die Woche zu arbeiten und hin zum sicheren und Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeitszeiten unter dem Dach größerer Einheiten, Kanzleien, Versorgungsgesellschaften oder Versorgungszentren bewegt.

Das Ziel dieses Wunsches ist zumeist, bei sozialer und regionaler Bindung, der Eigenverantwortung und dem eigenen Risiko für den wirtschaftlichen Erfolg zu entkommen. Vielleicht wandelt sich auch bereits das Bild des Freelancers in der IT-Branche zunehmend dahin, bevorzugt als kreativer Lösungsanbieter für Wünsche nach Individualisierung und personalisierten Vorstellungen der Kunden einzutreten.

Vielleicht sollte diesen Gedanken einmal nachgegangen werden und in den Kommentaren zu diesem Beitrag auch Ihre Gedanken und Perspektiven zu Wort werden. Diese könnten in einem weiteren Artikel meinerseits berücksichtigt und als ergänzende Perspektiven aufgegriffen werden.

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Susanne Möhring ist seit 25 Jahren selbständige IT-Kauffrau mit eigenem Unternehmen und beruflich, wie auch ehrenamtlich engagiert für Telearbeit, Home-Office und Remote Lösungen, sowohl in Beratung, als auch technische Umsetzung von Remote Arbeitsplätzen. Bewußtseinbildung für Nachhaltigkeit, „reparieren statt wegwerfen“ und Umweltbewußtsein ist mit der Mitgliedschaft im Klima- und Umweltpakt Bayern ausgezeichnet worden. Lösungen für das mobile Arbeiten in Hardware, Software und Installation, sowie Upgrades und Reparaturen zeichnen ihren Arbeitsalltag aus.

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