Die Zukunft des IT Freelancings- Manager Interview mit Matthias Ruff-Politik

Die Zukunft des IT Freelancings in Deutschland- Manager Interview mit Matthias Ruff- Teil 2: Politik

Im ersten Teil des Manager Interviews mit Matthias Ruff ging es um die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Auftragsgeschäft, aber vor allem um die volkswirtschaftlichen Trends, welche sich auf das IT Freelancertum auswirken. In Teil 2 sprechen wir über die politischen Themen, welche den IT Freelancer in seiner Arbeit beeinflussen.

Druck auf die Politik

IT Freelancer Magazin: Durch die zunehmende Popularität des Freelancertums müsste sich ja auch der Druck auf die Politik erhöhen. Wie sehen Sie hier die Lage der Situation und den künftigen Einfluss auf IT-Freelancer?

Matthias Ruff: Richtig, der Einfluss wächst. Das Verbandswesen ist bei IT-Freelancern ja noch vergleichsweise jung. Aber: es wird immer professioneller und besser! Beispielhaft kann hier der VGSD und der Bundesverband für selbständige Wissensarbeit genannt werden. Hier wird klasse Arbeit gemacht. Ich bin seit über 20 Jahren im Markt der IT-Freelancer tätig. Früher wurden sie in Berlin nicht mal gehört, dies hat sich schon verändert. Und dies wird sich weiter ändern. Und dies ist positiv! Leider mahlen die politischen Mühlen in Berlin meist sehr langsam.

Altersvorsorgepflicht für Selbständige

IT Freelancer Magazin: Trotzdem scheint ja in Berlin die verpflichtende Altersvorsorge für Selbständige gesetzt zu sein. Sehen Sie dies ähnlich?

Matthias Ruff: Das ist auch mein Wissenstand, das IT Freelancer Magazin hat ja erst jüngst darüber berichtet. Für viele IT-Freelancer ist dies natürlich nicht unbedingt gerecht, Berlin schmeißt sie mit allen Solo-Selbständigen in einen Topf. Aber die Gruppe der Solo-Selbständigen ist äußerst heterogen.

Repräsentative Umfragen, auch durch den Bundesverband der selbständigen Wissensarbeit initiiert, haben ja nachgewiesen, dass ein großer Teil der IT-Freelancer nicht nur weit überdurchschnittliche Stundensätze und hohe Auslastung haben, sondern auch ausreichend vorsorgen. Allerdings glaube ich, dass bei verpflichtender Vorsorge der Druck auf die Scheinselbständigkeit reduziert werden wird. Insofern kann dies auch positive Effekte haben.

Scheinselbstständigkeit noch immer ein Thema

IT Freelancer Magazin: Das Thema Scheinselbstständigkeit ist ja bei der Deutschen Rentenversicherung aufgehangen. Was ist Ihre Meinung zu diesem Prozess?

Matthias Ruff: Richtig, hier sieht man schon wie absurd das Konstrukt ist. Ein Profiteur von Entscheidungen darf das Urteil fällen. Dies muss eine unabhängige Instanz machen. Das jetzige System ist einfach nicht sinnvoll. Viele Freelancer mussten ja schon Aufträge aus dem Grund Scheinselbständigkeit abbrechen oder haben sie gar nicht erst bekommen aufgrund der Kunden, welche keine Selbständigen mehr einsetzen wollen. Wenn der Druck auf das Thema Scheinselbständigkeit durch eine verpflichtende Altersvorsorge reduziert wird, werden viele Unternehmen wieder offener gegenüber Freelancern sein. Und mit der wachsenden Zahl der Freelancer und dem wachsenden Einfluss auf die Gesellschaft wird es hoffentlich zu sinnvollen Lösungen kommen. Das System rund um die Compliance muss einfach zukunftsgerichtet und einfacher sein. Diverse Verbände treten ja für Positivkriterien ein. Darunter versteht man, dass bei Vorliegen mehrerer Kriterien auf Selbstständigkeit beschieden wird. Und zwar nicht nur für den Zeitraum eines Projektes, sondern grundsätzlich. Die branchenübergreifenden Kriterien könnten unter anderem Honorarhöhe, Vorhandensein einer Berufshaftpflichtversicherung oder Anzahl und Größe der Aufträge sein. Ich würde Positivkriterien sehr begrüßen.

Interessenvertretung der Selbstständigen im Parlament

IT Freelancer Magazin: Mit Bundestagsabgeordneten Alex Müller und Tobias Zech gibt es Selbständige im Parlament, die am eigenen Leib die Herausforderungen der Selbständigkeit kennen. Wie stark sind Ihrer Einschätzung nach Selbständigen-Biografien im Parlament vertreten und was bedeutet das für deren Interessenvertretung?

Matthias Ruff: Dies zu beurteilen ist natürlich schwer und objektiv kaum möglich. Auf fundiertem Wissen Entscheidungen zu treffen ist aufgrund der Komplexität der Welt auch in Bezug auf technischen Fortschritt und den Wandel der Gesellschaft nicht einfach. Gerade zum Thema Scheinselbständigkeit kann dies der normale Abgeordnete gar nicht ganzheitlich greifen, was kein Vorwurf ist. Insofern ist es wichtig Influencer, Meinungsträger und Parteien zu überzeugen. Sicherlich sind die beiden genannten Herren sehr kompetent und setzen sich nach bestem Wissen und Gewissen für Selbständige ein. Aber: Gibt es den Selbständigen? Nein! Die Gruppe ist von Ausbildung, Auslastung, Einkommen etc. die vermutlich heterogenste Gruppe in Deutschland. Eine Folge ist eine hohe Komplexität. Dementsprechend kann die Interessenvertretung auch nicht nur in eine Stoßrichtung gehen. Von den Selbständigen und freien Berufen ist die der Rechts-, wirtschafts- und steuerberatenden Berufen die mit Abstand größte Gruppe im Bundestag. Hier ist die Frage ob dies die spezifischen Fragestellungen der IT-Freelancer wirklich weiterbringt? Vermutlich nicht spezifisch! Somit muss sich diese Gruppe selbst Gehör verschaffen, was ja zunehmend geschieht. Aber: Dies ist nicht einfach und benötigt Zeit und Geduld.

Wenn Sie mich allerdings nach meiner persönlichen Meinung in der Gesellschaft fragen würden, hätte ich eine klare Antwort: Ich würde mir in Deutschland mehr innovativen Gründergeist wünschen – und dass dies gesellschaftlich und politisch mehr unterstützt würde. Dies ist eine Geisteshaltung! Ich persönlich habe bisher in der Schweiz und Deutschland Unternehmen gegründet. Es ist nicht so, dass Deutschland hier gar keine Unterstützung bietet. Aber im Vergleich zu der Schweiz ist es hier wesentlich komplexer und bürokratischer. Der zeitliche Aufwand für die Administration ist enorm und die Umsetzung dauert. Die Novemberhilfen sind hierfür aus meiner Sicht ein aktuelles Beispiel. Diese sind ebenfalls zu komplex und von November kann ja leider keine Rede mehr sein … vieles würde ich mir in Deutschland einfacher und unternehmensfreundlicher wünschen. Hier habe ich den klaren Wunsch nach Einfachheit und einem positiven Mindset! Freiheit ist ein wertvolles Gut und unternehmerisches Handeln hat einen sehr hohen Freiheitsgrad. Dies ist ja auch der Hauptgrund, warum die meisten IT-Freelancer keine Festanstellung annehmen wollen. Sie wollen hohe Selbstverantwortung für sich selbst übernehmen und leisten damit auch einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft.

IT Freelancer Magazin: Herr Ruff, haben Sie herzlichen Dank für das Interview!

Über den Interviewpartner:

Matthias Ruff ist ein gefragter Experte der Branche der Personaldienstleistung sowie angrenzender Bereiche und kennt diese aus operativer wie strategischer Perspektive. Er verfügt über Erfahrungen aus Unternehmensgründungen mit Start-up-Mentalität und war im Senior Management eines international führenden Konzerns der Personaldienstleistung tätig, unter anderem in Verantwortung für das Geschäftsfeld Contracting. Weiter ist Matthias Ruff Buchautor und kennt viele Herausforderungen durch Mandate als Interim Manager auf selbständiger Basis. Mit dem individuellen Umfeld des IT Freelancing ist er seit über 20 Jahren vertraut.

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