Zahlreiche Studien belegen: IT-Freelancer sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden.

Trotzdem befinden wir uns momentan wirtschaftlich in einer schwierigen Phase. Die Auswirkungen der Corona Krise, die Unsicherheit durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine trifft die europäische Wirtschaft hart. Gaspreise und damit auch die Preise vieler anderer Güter steigen, die Inflation klettert auf neue Höchststände: Im Oktober prognostiziert das Statistische Bundesamt eine Inflationsrate von +10,4% in Deutschland. Auch die Finanzmärkte sind betroffen.

Quelle: Freelancermap.de

Laut dem Freelancermap Freelancer Kompass 2022 sorgen rund die Hälfte der Solo-Selbständigen mit Wertpapieren (58%) und Immobilien (54%) für ihre Altersvorsorge. 1.097€ investieren die Freelancer im Schnitt pro Monat für ihren Ruhestand.

„Kaufe, wenn das Blut auf den Straßen fließt.“ soll Nathan Rothschild (1840 – 1915), erster Rothschild-Bankier im britischen Erbadel mal gesagt haben. Ganz nach der Strategie des Antizyklischen Investierens, bei welcher entgegen der breiten Masse investiert wird, um Gewinne zu erzielen.

Wir haben mit Finanzexpertin und Fachinformatikerin Lisa Osada gesprochen:

Dividenden-Strategie Vor- und Nachteile

Dein Spezialgebiet ist vor allem das Investment in Aktien mit hohen Dividenden. Bei einer sog. Dividendenstrategie werden gezielt Aktien von Unternehmen gekauft, die eine hohe Dividendenrendite aufweisen.

Welche Vor- und Nachteile hat eine Dividendenstrategie und wann macht diese Form der Geldanlage Sinn?

Lisa Osada: Richtig, meine Strategie basiert zu einem großen Teil auf dem Investieren in Dividenden Aktien. Die Vor- und Nachteile lassen sich allerdings nicht so einfach zusammenfassen, da diese maßgeblich von den persönlichen Präferenzen und Lebensumständen abhängen können.

Für mich liegen die Vorteile der Strategie darin, dass sie relativ unabhängig von der aktuellen Stimmung an den Märkten einen stetigen Cashflow erwirtschaften kann. Viele „solide“ Dividenden Aktien sind beispielsweise im Bereich der Konsumgüter angesiedelt und daher oft krisenresistent im Vergleich zu anderen Branchen. In den meisten Fällen schütten diese Firmen selbst in schwachen Wirtschaftsphasen verlässlich ihre Dividenden aus oder steigern sie sogar weiterhin – ganz unabhängig davon, ob die tatsächlichen Kurse der Aktien gerade steigen oder fallen. Gerade in Phasen wie der Aktuellen flüchten viele Investoren in solche Aktien, um schwache Marktphasen besser zu überstehen.

Ob es eine zielführende Strategie ist, kurzfristig „von Wachstum auf Dividenden“ zu switchen muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Die krisenresistenten Geschäftsmodelle dieser Aktien können gleichzeitig auch ein “Nachteil” werden. So kann die Kursperformance in Phasen extremer Euphorie (Bullenmarkt) selten mit denen von Wachstumstiteln mithalten und steigt oft deutlich langsamer an. Die Dividendenstrategie ist eher weniger geeignet für die “Get rich quick”-Mentalität, sondern ist in meinen Augen eine Strategie, die vor allem mit einem langfristigen Anlagehorizont ihre Stärken ausspielen kann.

Noch einmal generell gesprochen muss dazu erwähnt werden, dass es nicht „die eine Dividendenstrategie“ gibt und jeder Anleger hier individuell festlegen kann, auf welche Kennzahlen bei der Auswahl von Aktien oder auch ETFs geachtet wird. Ziemlich sicher kann man dagegen sagen, dass der Fokus auf eine einzige Kennzahl, beispielsweise „ausschließlich“ eine hohe Dividendenrendite sehr schnell nach hinten losgehen kann. Nämlich dann, wenn diese Rendite zwar auf den ersten Blick hoch erscheint, in Wahrheit aber ein stark gefallener Aktienkurs dafür die Ursache trägt.

Tech Aktien- Vorteile für IT-Freelancer?

Haben IT-Selbständige aufgrund ihres Know-Hows einen Vorteil bei der Investition in Tech-Aktien?

Lisa Osada: Ganz klares jein. Natürlich kann es unter Umständen für uns ITler deutlich einfacher sein, sich in Geschäftsmodelle einzuarbeiten und die Vorgehensweise zu verstehen. In diesen Fällen könnte man da auf jeden Fall von einem Vorteil sprechen. Allerdings ist es in meinen Augen dennoch nahezu unmöglich, das beste IT Unternehmen in einem spezifischen Bereich zu finden, da es oftmals auf mehr als lediglich eine Komponente ankommt, um als Unternehmen erfolgreich zu sein. Darüber hinaus gibt es viele Firmen deren einzelne Geschäftsmodelle bzw. Technologien und Softwarelösungen so spezifisch sind, dass es selbst mit einem IT-Background unglaublich schwer ist, zu beurteilen, wie das Geschäft bis ins letzte Detail funktioniert bzw. auszumachen ist, wie erfolgreich und nachhaltig das Konzept letztendlich sein kann oder wird.

Informierte Entscheidungen treffen

Was würdest du IT-Selbständigen raten zu tun, bevor sie investieren?

Lisa Osada: An erster Stelle sollte das Aneignen von Wissen stehen. Dabei meine ich nicht, sich monatelang mit Finanzbüchern seine Abende zu vertreiben, sondern initial ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Aktien eigentlich sind und warum das Investieren an der Börse (gerade langfristig betrachtet) alternativlos ist. Das klassische Beispiel wäre hier, sich einmal die langfristige Entwicklung des bekannten MSCI World Index anzuschauen.

Gerade als Selbstständiger ist das Thema finanzielle Sicherheit und Planung oft noch einmal deutlich komplexer, da das eigene Einkommen stark schwanken kann. Persönlich würde ich hier immer erst darauf achten, einen gewissen Cash-Puffer vorzuhalten und dann stetig, vielleicht monatlich, per Aktien- oder ETF-Sparplan mit dem Investieren beginnen.

Dann hängt es ein wenig davon ab, ob man die Lust und Zeit hat, sich mit einzelnen Unternehmen und deren Potentialen auseinanderzusetzen, oder doch lieber einen passiven Investmentansatz für sich wählt. Passiv meint dabei beispielsweise das Investieren über weltweit gestreute ETF-Produkte, die es möglich machen, die gesamte Weltwirtschaft abzubilden. Das ist bereits mit nur einem einzigen ETF möglich.

Wenn es stattdessen in Richtung Einzelaktien gehen soll, sollte man sich nie darauf verlassen, dass man mit seinen Einschätzungen zu 100% richtig liegt. Es kann natürlich Sinn machen, seine eigene Expertise in Investitionsentscheidungen einfließen zu lassen, allerdings sollte nach wie vor auf eine gewisse Diversifikation im Depot geachtet werden und auch die Verteilung von Branchen und Sektoren spielt hier eine Rolle. Selbst wenn man mit seinen Einschätzungen richtig liegt, gibt es immer Phasen an der Börse, in denen Irrationalität entsteht und beispielsweise gerade Technologieaktien abgestraft werden und andere Branchen einfach besser laufen.

Ich würde daher auf jeden Fall vermeiden „all-in“ in nur eine Aktie oder eine Branche zu investieren, sondern stattdessen auch immer die Welt außerhalb der IT betrachten. Wichtig ist es hier, seine Investitionen prozentual zu betrachten, also die jeweilige Allokation seiner Aktien und oder ETFs zu verfolgen. Stellt man dann fest, dass man beispielsweise 15 % seines Portfolios in einem einzigen Unternehmen investiert hat, kann das bereits ein enormes „Klumpenrisiko“ bedeuten.

KryptoDer wilde Westen der Finanzwelt

Bitcoin gilt nach wie vor als interessantes Asset aufgrund der Technologie und Philosophie hinter der Kryptowährung.

Die Investition in Kryptowährungen ist im Moment in aller Munde. Trotzdem hat sich diese Form der Anlage nicht zuletzt aufgrund ihrer Komplexität noch nicht im Mainstream etabliert.

Macht es Sinn sich als IT-Freelancer mit Projekten aus der Krypto-Welt zu beschäftigen?

Lisa Osada: Kryptowährungen sind in meinen Augen unwahrscheinlich interessant und gerade vor dem Hintergrund der Technologie dahinter kann es sehr spannend sein, sich damit zu beschäftigen. Allerdings glaube ich, dass viele kleinere Kryptoprojekte eher dazu gedacht sind, ihre Gründer reich zu machen, als wirklich einen Mehrwert zu liefern. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass man sich nicht damit beschäftigen sollte. Ich denke auch im Altcoin Bereich, kann man durchaus attraktive Gewinne einfahren, allerdings würde ich da eher weniger einen „buy & hold“ Ansatz verfolgen.

Ich selbst investiere auch zu einem kleinen Teil in Kryptowährungen und fokussiere mich dabei auf den Bitcoin. Die Technologie und Philosophie dahinter interessiert mich und ich bin beispielsweise gerade dabei, meine eigene Fullnode inklusive einer Lightning Node einzurichten und somit nicht nur Bitcoin in der Wallet zu haben, sondern auch aktiv Teil des Netzwerks mit einem eigenen Knotenpunkt zu werden.

Top Tipps für Investitionen

Was sind deine Top 3 Tipps im Bereich Geldanlage, die du der IT-Freelancer Community mitgeben kannst?

Lisa Osada:

  1. Das Depot immer diversifizieren und nie alles auf nur eine Aktie oder eine Branche setzen.
  2. Langfristig denken und kontinuierlich investieren – auch wenn der Depotwert mal im Minus ist.
  3. Sich sehr ausführlich mit den einzelnen Aktien beschäftigen (sofern man in Einzelaktien investieren möchte) und versuchen möglichst viel über das Unternehmen, sein Geschäftsmodell, die Branche und mögliche Chancen und Risiken herauszufinden. Der Prozess kann ruhig mehrere Wochen in Anspruch nehmen, auch wenn man in unserer schnelllebigen Welt oft das Gefühl bekommt, dass einem die Aktie davonlaufen könnte. (Stichwort FOMO.)

Immer up to date– Tools & Informationsquellen

Wo informierst du dich über die aktuellen Geschehnisse an den Finanzmärkten? Hast du Empfehlungen?

Lisa Osada: Bei der Analyse eines Unternehmens schaue ich mir immer die Unternehmenswebsites an und unbedingt auch den Geschäftsbericht. Allgemein findet man auch viele hochwertige Formate zum Thema Aktien, ETFs und Finanzen auf YouTube. Formate wie Finanzfluss oder Finanztip kann ich hier wärmstens empfehlen.

Allgemeine News und Kennzahlen finde ich bei Parqet (Tool zum Portfolio-Tracking, das aber auch Kennzahlen und News zu einzelnen Aktien anzeigt) oder finance.yahoo.com. Auch nutze ich zur Analyse bzw. Information über einzelne Aktien die Websites von Aktien Guide oder die Analysen von Abilitato .

Natürlich gibt es noch unzählige weitere hilfreiche Websites und Tools, um über aktuelle Geschehnisse informiert zu werden. So bekommt man auch sehr viel über die sozialen Medien, beispielweise bei Instagram oder Twitter mit, wo ich auch selbst unter dem Namen Aktiengram parallel zu meinem Finanzblog aktiv bin. Hier behandle ich aktuelle Themen und Fragen aus der Community rund um Aktien, Börse und den Kapitalmarkt.

Über die Interviewpartnerin

Lisa Osada ist Fachinformatikerin und Finanzbloggerin. Sie studiert aktuell nebenberuflich Informatik (Fachrichtung: IT-Sicherheit) und arbeitet bei einem Startup im Bereich Fintech. Seit ihrer Berufsausbildung vor 11 Jahren investiert sie regelmäßig einen Teil ihres Einkommens an der Börse und hat ihre Leidenschaft für den Kapitalmarkt stetig ausgebaut. Auf ihrer Instagram-Seite Aktiengram und dem gleichnamigen Blog motiviert sie Tausende dazu, sich mit ihren persönlichen Finanzen auseinanderzusetzen und setzt sich dafür ein, die Aktienkultur in Deutschland zu fördern. Zuletzt wurde sie dafür beim renommierten comdirect finanzblog award mit dem Sonderpreis als „Beste Finanzbloggerin““ ausgezeichnet.

Disclaimer: Die im Artikel genannten Informationen stellen keine Anlageberatung und auch keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzprodukten dar. Es handelt sich zu keinem Zeitpunkt um eine Anlageberatung, Empfehlung oder sonstige fachliche Beratung.

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Björn ist Marketier aus Leidenschaft. In seiner Funktion als Redakteur verfolgt er das Ziel einen klaren Mehrwert für die IT-Freelancer-Community zu schaffen und diese in ihrem stressigen Alltag bestmöglich mit hilfreichen und interessanten Inhalten zu unterstützen. Als freiberuflicher Digital Marketing Consultant unterstützt er außerdem IT-Freelancer dabei, mit ihrer digitalen Präsenz passende Projektanfragen zu erhalten. Er ist zentraler Ansprechpartner beim IT-Freelancer Magazin. Kontaktmöglichkeiten finden Sie über LinkedIn oder per E-Mail: bjoern.brand@it-freelancer-magazin.de

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