Einblick in den IT Freelancer Alltag mit Interim CIO Robert Fox

Entscheidung für die Selbständigkeit: Eine Wertefrage

IT Freelancer Magazin: Wie kam es zur Entscheidung als IT Freelancer zu arbeiten?

Robert Fox: Ich war jung und ehrgeizig, und nachdem ich eine Festanstellung bei einer aufgrund eines Wertekonfliktes gekündigt hatte, beschloss ich, mein Glück als IT Selbständiger (zunächst im IT Support und Deployments im Projektmanagement) zu versuchen. Seitdem habe ich nie mehr zurückgeblickt.

Die Geschichte des Wertekonfliktes: Damals war ich 23 Jahres alt und habe für eine große Firma mit Hauptsitz in Texas gearbeitet. Nach einem Jahr wurde ich befördert und mein neuer Chef verlangte von mir, dass ich meinen Ohrring nicht mehr anziehen soll (für Kundentermine hatte ich ihn tatsächlich immer rausgenommen). Obwohl das für meine Kunden nie ein Problem dargestellt hat und natürlich völlig unabhängig von der fachlichen Expertise war.

Ist man als IT-Freelancer wirklich frei?

IT Freelancer Magazin: Wie empfinden Sie Ihr Leben als Freelancer? Fühlt man wirklich die große Freiheit – oder ist das lediglich ein Klischee?

Robert Fox: Einfach gesagt: Es ist das, was man daraus macht! Man hat eine gewisse Freiheit, das Leben als Freiberufler hat seine Höhen und Tiefen: Als IT Freelancer hat man selbst die Kontrolle wie, wie lange und für wen man arbeitet. Aber mit dieser kommt auch eine gewisse Verantwortung. Auch im Umgang mit den Kunden, wo man stetig Erwartungshaltungsmanagement betreiben muss.

Durchschnittlich ist es so, dass frische Freelancer nach 3-5 Jahren wieder in die Festanstellung zurückkehren, nachdem sie das Leben als IT-Selbständiger kennengelernt haben. Als IT-Freelancer wird man manchmal behandelt wie eine Einwegflasche. Weil viele Auftraggeber bis zur aller letzten Sekunde mit der Vertragsverlängerung warten. Das erschwert natürlich die Vorausplanung.

Der Markt hat sich im Laufe der Jahre verändert – und ist in letzter Zeit durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (ANÜ/AüG) sehr herausfordernd geworden, das ehrlich gesagt nie für IT-Freiberufler gedacht war (eher für Fabrikarbeiter wie in der Automobilbranche). Ein guter IT- Freelancer würde die ANÜ immer ablehnen.

IT-Selbständigkeit- „Das große Geld“?

IT Freelancer Magazin: Wie gehen Sie mit dem „vielen“ Geld als Selbstständiger um? Wie legen Sie es an?

Robert Fox: Das Geld kann manchmal ganz gut sein – aber auf meinem Niveau verdiene ich normalerweise nicht das ganze Jahr über – im Durchschnitt verdiene ich nur 6-8 Monate pro Jahr – den Rest der Zeit suche ich nach meiner nächsten Aufgabe und baue mein Netzwerk aus! Mit dem Geld, das ich verdiene, bezahle ich meine Rechnungen, bilde mich weiter und verbessere mein Home Office – und spare natürlich für die Rente (Steuern und Versicherungen sind für einen Selbständigen ziemlich teuer!)

Leben aus dem Koffer: Das Office immer im Gepäck

IT Freelancer Magazin: Wie empfinden Sie das Leben aus dem Koffer? Haben sich Ihre Reisen zum Kunden durch die Remote-Bereitschaft der Auftraggeber reduziert?

Robert Fox: Vor der Covid-19-Pandemie ging ich dorthin, wo das Geschäft war – also pendelte ich jede Woche zwischen verschiedenen Städten – ein Wochenendvater und Ehemann – was für die Familie nicht einfach war, und das wöchentliche Reisen forderte auch seinen Tribut (viel Overhead-Kosten zu absorbieren!) – Wegen der Pandemie – Digitalisierung und Home Office werden zur ‚Norm‘ – also zahlen sich all die Investitionen, die ich in meine Home-Office-Ausrüstung steckte, jetzt aus!!!

Aber in Messestädten wie München, Frankfurt oder Hamburg sind auch erhöhte Kosten für Hotelübernachtungen, Reiseverbindungen gar kein unerheblicher Faktor.

IT Freelancer Magazin: Ganz ehrlich, wieviel Urlaub gönnen Sie sich pro Jahr? Nehmen Sie ihren Laptop mit?

Robert Fox: Wenn ich Glück habe, vielleicht insgesamt 4 Wochen (2×2) – und JA, mein Büro sind mein Handy und mein Tablet – und die reisen auch mit mir in den Urlaub! Das gehört leider dazu!

Zurück ins Angestelltenverhältnis?

IT Freelancer Magazin: Würden Sie wieder ins Angestelltenverhältnis zurück?

Robert Fox: Unter den „richtigen“ Umständen würde ich es in Erwägung ziehen (sag niemals nie!), aber es ist schwierig, die „richtige“ Situation und das „richtige“ Unternehmen zu finden, um meine Fähigkeiten einzusetzen!

Akquise, Steuern & Co.

IT Freelancer Magazin: Wie viele Stunden pro Woche planen Sie sich für betriebswirtschaftliche Tätigkeiten wie Profilpflege, Akquise, Rechnungsstellung, Steuern & Co. ein?

Robert Fox: Wenn ich zwischen zwei Projekten stehe, verbringe ich fast 100 % meiner Zeit mit Akquisition und administrativen Aufgaben. Aber wenn ich im Einsatz bin, sinkt dieser Anteil dramatisch auf vielleicht 2 Stunden pro Woche! (Normalerweise arbeite ich 65+ Stunden pro Woche, wenn ich in einem Projekt bin).

Die größten Fallen für Freelancer & Ratschläge

IT Freelancer Magazin: Was sind die größten Fallen, die sich einem Freelancer stellen?

Robert Fox: Nicht alle Personalvermittler und Recruiter sind deine Freunde! Manche Verträge sind sehr „Freelancer-unfreundlich“ und aggressiv (Vorsicht!). Ein Vertrag ist nur so lang wie die „Kündigungsklausel“!
Seid also vorsichtig, wenn Recruiter sagen: „Es ist ein langfristiges Projekt, also senken Sie Ihren Preis“.

IT Freelancer Magazin: Welche Ratschläge können Sie anderen IT Freelancern auf den Weg mitgeben?

Robert Fox: Bleibt euren Prinzipien und deiner Ethik treu – seid ihr selbst und folgen Sie euren Instinkten. Mach, was euch am meisten Spaß macht. Egal ob festangestellt oder freiberuflich, man muss sich wohlfühlen. Geld ist ein Nebenprodukt.

Es ist ein schwieriger Markt da draußen, also sei einzigartig und sei DU SELBST! Benutze Humor als intelligente „Über“-Lebensstrategie !!!

Tipps zur Auftragsakquise:

Timing ist alles, gerade im Akquise Modus muss man schnell zuschlagen und Initiative zeigen. Je schneller man mit dem Dialog mit dem Auftraggeber ist, desto besser. In einer Welt, in welcher immer mehr Prozesse automatisiert ablaufen und man sich per Mausklick auf Projekte bewerben kann zählt immer die persönliche Komponente mehr denn je: Falls die Möglichkeit besteht, bei Auftraggebern persönlich telefonisch vorzusprechen und Fragen zu der Rolle zu stellen, nutzt diese! Denn nur so verankert ihr euren Namen und eure Persönlichkeit in den Köpfen der Menschen.

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