Kommentar zu ‚Der stille Raub – wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen‘

Gerald Hörhan
Der stille Raub – wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen
Hörbuch, 4 CDs, ca. 310 Min.
vollständig gelesen von Matthias Lühn
München: ABOD-Verlag 2017

Der „Investment-Punk“ Hörhan (Jahrgang 1975) berichtet in diesem Hörbuch und seinem papierenen Pendant von Gesprächen mit Schülern, Studenten und Angehörigen diverser Berufe über die bisherigen Veränderungen der Gesellschaft durch die Digitalisierung und deren künftiges Entwicklungspotenzial. Er zitiert Politiker zu diesem Thema und erzählt von seinen Besuchen bei Gurus der IT-Szene.

Dabei zeigt er sich immer wieder beinahe entsetzt über die geringe Kenntnis (zu) vieler Leute vom digitalen Durchwirktsein unser aller Leben und der damit einhergehenden Verdrängung ganzer Berufsstände. Bereits heute, spätestens aber morgen werden diese von immer intelligenter werdenden Computerprogrammen oder Robotern in die Arbeitslosigkeit geschickt.

Einige Beispiele:

– AirBnB mischt die Hotel-Szene auf.

– Uber und demnächst wohl selbstfahrende Autos nehmen den klassischen Taxi-Firmen die Butter vom Brot.

– Ebendiese selbstfahrenden Fahrzeuge, möglicherweise in der Elektro-Variante, werden die Transportbranche revolutionieren.

– Digitale Universitäten können aktueller, kostengünstiger und in vielem besser sein als die klassische Uni.

– Roboter greifen nicht nur im Gesundheitswesen ein und an: In Singapur gibt es bereits kellnernde Roboter, in Banken RoboAdvisors und der Roboter Ross wirkt in Anwaltskanzleien und demnächst vielleicht sogar vor Gericht.

Die Zeit wird also – besonders für den auf der Kippe stehenden Mittelstand – knapp: Schließlich sind manche Rennen schon gelaufen. Amazon und einige wenige andere haben ein Quasi-Monopol (nicht nur) im Buchhandel; Facebook, LinkedIn, Xing sind die Renner bei den sozialen Medien, einige wenige Partnerbörsen ziehen mit ihren Millionen Nutzerprofilen immer neue Teilnehmer an usw.; jenseits der nach dem „Olympischen Prinzip“ auf dem Treppchen stehenden vordersten Drei in jeder Branche kennt kaum noch jemand die Plätze vier bis „ferner liefen“. Lediglich Bauern, (bisher schon erfolgreiche) Künstler und Immobilienbesitzer sieht Hörhan von dieser Entwicklung weniger betroffen.

Braucht also wirklich demnächst jeder Berufstätige seinen eigenen social media manager, der ihm im „Fratzenbuch“ oder auf einer Business-Plattform ein aussagekräftiges Profil (eine Netzidentität) einrichtet und ihm verrät, wie er in seiner jeweiligen Branche die meisten Klicks und Likes einsammelt oder die meisten Follower hinter sich schart? Und damit ist es ja nicht unbedingt getan: Wer im Netz Bullshit anbietet, ist früher oder später dem Untergang geweiht, nur die Schöpfung von Mehrwert trägt langfristig! Dies aber wird nur einer Minderheit überhaupt möglich sein, und eine noch kleinere Minderheit wird dies gewinnbringend tun können.

„Die virtuelle Realität wird aus Millionen von Absteigern die Lebenslust saugen, während sie mit Brillen auf den Augen sabbernd auf ihren Sofas lungern.“ / „Welches wird der Wert sein, in dem sich gewisse Arbeitnehmer von einem billigeren Computerprogramm unterscheiden?“

Ja, er äußert sich drastisch, der Punk, wenn auch nicht so drastisch wie bei seinen Live-Auftritten, aber er will eben auch Augen (und im Falle des Hörbuchs: Ohren) öffnen. Die Frage ist, ob er der Typ ist, von dem man das gerne annimmt. Viel zu oft lässt er Szenen aus seinem Leben als Bonvivant bzw. Dandy durchblicken, wie er als supererfolgreicher Mensch um die Welt jettet bzw. in seiner Armada von tollen Autos (natürlich abwechselnd) durch die Gegend fährt, in Szenelokalen verkehrt und dergleichen mehr.

Ich kann schwer beurteilen, ob seine „Erfolge“ auf Fleiß und Können oder auf Zufällen beruhen; zu seinen Gunsten will ich ersteres annehmen und seinen Versuch würdigen, andere zu warnen. Ich hoffe allerdings, dass der prophezeite Wandel langsamer kommt als Hörhan androht, dass z.B. noch für nachweislich zuverlässige Handwerker und physisch vorhandene Geschäfte „in guter Lage“ Hoffnung besteht, dass sich die künstliche Intelligenz als doch nicht so intelligent erweisen wird und sie schließlich nicht zur „großen Verblödung“ führen wird, wie Hörhahn prognostiziert.

Ferner hoffe ich, dass gerade der rasante Wandel in der digitalen Welt noch Hoffnung bereithält. Dieser bewirkt ja, dass letztendlich auch die Großen, die Top-Olympioniken, fallen können und Marktanteile abgeben müssen. So wie Facebook damals SecondLife und MySpace entthronte, könnte es irgendwann selbst beispielsweise über seine Zensurpraxis stolpern.

Ähnlich pessimistisch wie Hörhan bin ich allerdings in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Noch vor seinen Veröffentlichungen diskutierte ich mit anderen ITlern darüber, dass angelehnt an das Pareto-Prinzip (80:20) in naher Zukunft wohl 80% aller Tätigkeiten von 20% der heute Berufstätigen erledigt werden können.

Auf jeden Fall kommen auf den, der Hörhans Ratschläge annimmt, Arbeit und Kosten zu. Eine digitale Identität will schließlich auch gepflegt werden, der Mehrwert muss auch erst einmal geschaffen werden, und ob sich dies für diejenigen „hinter den Großen“ der jeweiligen Branche in klingender Münze auszahlt, ist ungewiss. Wie sagte z.B. Henry Ford: „Ich weiß, dass 50 Prozent meiner Werbeausgaben zum Fenster herausgeworfen sind. Dummerweise weiß ich nicht, ob es die ersten oder die zweiten 50 Prozent sind.“

Investment Punk Gerald Hörhan | Der stille Raub | Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
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