IT im Roman (Teil 07) – Virtuelle Realität – Tad Williams

Klaus-Michael Vent, IT Freelancer mit Schwerpunkt Hostrechner, ist inzwischen Stammautor des IT Freelancer Magazins. Unter seinem Tag it-im-roman finden sich alle Teile dieser Serie, die er im IT Freelancer Magazin veröffentlicht hat. Unter seinem Tag it-im-sachbuch finden sich all seine (Hör-) Buchrezensionen zu Sachtexten, die er im IT Freelancer Magazin veröffentlicht hat.

Heute soll es um Virtuelle Realität (VR) gehen; ein Thema, das immer wieder dann z.B. bei mir aufschlägt, wenn in Computerzeitschriften usw. die neueste VR-Superbrille vorgestellt wird, mit der man sich angeblich noch realistischer in die phantastischsten Welten hineinversetzen können soll (VR-Brillen sollen immerhin von jedem 10. Deutschen über 14 Jahre schon mal ausprobiert worden sein) – alternativ bzw. zusätzlich dazu vielleicht noch der Datenhandschuh zur Spielesteuerung oder das Head Mounted Display etc.

Oder Makler, Museums-Fans usw. machen für den virtuellen Rundgang durch Wohnungen, Gärten, Institute oder ganze Städte Reklame. Aber VR ist natürlich noch mehr: Interessant fand ich z.B. diesen Artikel auf der WDR-Seite, die unter anderem kurz und unterhaltsam die wissenschaftlich-medizinischen Aspekte der VR darstellt, aber auch vor Realitätsverlust durch allzu tiefes Eintauchen (Immersion) in VR-Welten warnt.

Das Thema, das seit 1929 (!) fasziniert – damals baute Edwin Link den ersten Flugsimulator als Jahrmarktattraktion – hat natürlich nicht nur in Medizin und Computerspiele Einzug gehalten, sondern auch in die Welt der Romane. Ein Beispiel dafür ist

 

Otherland
von
Tad Williams

(hier Teil 1: Stadt der goldenen Schatten)
Hörspiel, 6 CD (ca. 334 Min.)
München 2004, Der Hörverlag

Ein Soldat des Ersten Weltkriegs will vom Schlachtfeld entfliehen, klettert auf einen Baum und steigt bis über die Wolken hinaus, wo er in ein geheimnisvolles Reich gerät, in dem er ein Vogelmädchen und einen offensichtlich aus Metall bestehenden Riesen trifft…

Der Online-Rollenspieler Orlando erforscht in Gestalt eines mächtigen Kriegers eine finstere Höhle, wo er von einem Untoten massakriert wird…

Renie Sulaweyo und der Buschmann !Xabbu tauchen ebenfalls in eine Welt virtueller Realität ein, in der sie aber den Kontakt zu ihrer in der Wirklichkeit befindlichen Basis zu verlieren drohen und somit keinen Einfluss mehr auf die Gefahren haben, die ihnen in dieser phantastischen künstlichen Wirklichkeit auflauern…

Götter und/oder nichtmenschliche Wesen, die der Sagenwelt Ägyptens entsprungen scheinen, unterhalten sich im Stile von Gangsterbossen und Killern über ihre bösen Absichten…

Und so geht es weiter. Menschen geraten in die unglaublichsten Situationen, trotzen mannigfaltigen Risiken in allen möglichen Welten, Zeiten und Dimensionen, und das in schnellem Wechsel, in jedem der kurzen Kapitel ist eine andere Gruppe dran, die oben skizzierten Handlungsstränge sind nicht die einzigen.

Überhaupt Handlung: Gibt es eine? Dies erschließt sich mir als Hörer, der ich das dicke, dem Hörspiel zugrundeliegende Buch (900 Seiten!) nicht kenne, nicht so leicht. Besonders die ersten CDs reihen lediglich eine Kette – zugegeben: größtenteils spannender – Szenen aneinander. Den meisten davon scheint gemeinsam zu sein, dass die handelnden Personen in nicht allzu ferner Zukunft ihre Probleme mit künstlich geschaffenen bzw. aus dem Computer generierten Welten haben… also fast wie die Menschen heute bei ihren Online-Spielen, ihrem Internet-Wahn, ihrem Hackertum oder „Second Life“/“My World“ bzw. schon im Film TRON von 1982. Wer lange genug zuhört, erfährt auch von der geheimnisvollen Gralsbruderschaft, die mit ungeheuer viel Geld eine gewaltige Computersimulation namens Otherland schuf…

Das Hörspiel wurde bei Erscheinen als das größte Hörspiel deutscher Produktion angekündigt, mit mehr Sprechern und Effekten als das Hörspiel zum „Herrn der Ringe“ mit seinen 10 CDs. Mittlerweile gibt es Hörspielausgaben zu allen 4 Teilen der Otherland-Buchserie von Williams (auch als „Großpackung“ mit 4 x 6 CD im Schuber), und besonders die Toneffekte (Schießereien, Schreie, Explosionen etc.) lassen die Handlung hautnah erleben. Manchmal wäre aber auch weniger mehr gewesen, wenn z.B. selbst bei einer Unterhaltung diese von allen möglichen Geräuschen untermalt ist, so dass der Hörer ganz schön die Ohren spitzen muss, um die Worte herauszufiltern.

Auch scheint der Plan vermessen, solch dicke Bücher in nur je knapp sechs Stunden präsentieren zu wollen. Die Nutzer der Bücher haben immerhin leichter die Möglichkeit als der Hörspiel-Hörer, mal kurz ein paar Seiten oder Kapitel zurückzublättern, wenn sie bei dem Durcheinander den roten Faden verlieren.

Andererseits zeigen mir Rezensionen der – gedruckten – Bücher im Internet, dass diese – bei aller Beliebtheit – auch eine gewisse Geradlinigkeit der Erzählung vermissen lassen. Eine Hilfe zu größerem Verständnis des Hörspiels waren mir die Kritiken auf Amazon, die sich auch z.T. detailliert mit dem Inhalt auseinandersetzen, der Artikel zum Buch auf Wikipedia und – am ausführlichsten – die Darstellungen auf http://www.buchwurm.info.

Positiv am Hörspiel ist, dass die Elite der deutschen Sprecher-Szene am Start ist, und viele davon geben wirklich ihr Bestes. Über 200 sollen es sein, darunter Hans-Peter Hallwachs, Christian Berkel, Sylvester Groth, Dietmar Mues, Ulrich Noethen, Andreas Fröhlich und viele mehr, zum Teil spielen sie auch mehrere Rollen. Andererseits zeigt dies auch, wie viele Personen bzw. Figuren auftreten und vom Hörer auseinandergehalten werden müssen, wenn auch nicht alle davon im 1. Buch bzw. Hörspiel der Serie…

Es bleibt ein gemischtes Gefühl zurück. Vielleicht hatte ich bei all dem Hype um die CDs mehr erwartet. Nützlich wäre auf jeden Fall etwas mehr Einsatz der „Erzähler“ gewesen, um auch unbedarfte Hörer auf die Geschichte einzustimmen, anstatt sie durch einen Action-Marathon zu hetzen.

Schließlich kann ja beim Käufer bzw. Hörer nicht vorausgesetzt werden, dass er vorher die Bücher liest bzw. sich an allen möglichen Stellen Zusatzinformationen besorgt, um in den Wirrnissen Otherlands nicht verloren zu gehen.

Beim Rekord „größtes Hörspiel“ wurde Otherland im Übrigen vor kurzem entthront: David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ protzt mit 1400 Sprechern (einer pro Seite!).

 

Der Autor

Der kalifornische Science-Fiction- und Fantasy-Autor Tad Williams (61) ist neben Otherland auch besonders bekannt für seine Serien Shadowmarch und Osten Ard, die ebenfalls in fiktiven Welten spielen.

Erst bei der Recherche zu diesem Artikel fiel mir auf, dass Williams ein interessantes Geburtsdatum hat, nämlich das gleiche wie…

 

… der Autor dieser Zeilen…

… der wohl ein weniger erfolgreicher Schriftsteller, aber dafür vielleicht ein besserer Programmierer ist als Tad Williams (wenn auch nicht für VR-Anwendungen?). Der VR am nächsten kam ich wohl beim Rumgeballere in sogenannten 3D-Spielen wie Duke Nukem, Castle Wolfenstein und Doom. Nicht von ungefähr wird für 2020 laut EITO/Bitkom für die deutsche Gaming-Branche ein VR-Umsatz von einer Milliarde Euro prognostiziert.

Bei Doom stieß ich nach tausendfachem Tod irgendwann einmal auf einen Cheat, der mir Unverwundbarkeit, alle (!) Waffen und unendliche Mengen an Munition verlieh – yeah!

Am besten gefiel mir dabei eine Wumme, die sich entweder Blitzgewehr, Stasiskanone oder Plasmagewehr nannte. Hielt man sie nur ungefähr in Richtung der wie auch immer gearteten Feinde, so waren sie nach einem Schuss sämtlich dem Erdboden gleichgemacht. Selige Zeit! Denn Spielen kostet tatsächlich viel Zeit, und ich musste es irgendwann zugunsten meiner vielen anderen Hobbies (unter anderem dem Spielen von Gesellschaftsspielen mit anderen lebenden Menschen an einem Tisch!) aufgeben…

 

Im nächsten Teil geht es weiter mit dem Thema „Das Ende aller Technik“!

2 Gedanken zu “IT im Roman (Teil 07) – Virtuelle Realität – Tad Williams

  1. Hallo Herr Vent,

    vielen Dank für diese spannende Rezension. Der verlinkte WDR-Beitrag gibt einen guten Einstieg ins Thema Virtuelle Realität und die Art der Gestaltung finde ich sehr ansprechend – das habe ich in der Form noch nicht gesehen …

    Schöne Grüße,
    Michael Wowro

  2. Noch während dieser Beitrag in Arbeit war, kam der neueste Steven-Spielberg-Film in die Kinos: READY PLAYER ONE, der auf dem gleichnamigen Roman von Ernest Cline beruht und ebenfalls die VR-Welten zum Thema hat.

    Wem das Ganze zu digital ist, dem sei an dieser Stelle eine Alternative empfohlen: Neulich war ich in einem der sog. Exit- bzw. Escape Rooms im „wirklichen Leben“, d.h. wir bekamen im Freundeskreis eine Aufgabe gestellt und mussten sie in ca. einer Stunde gemeinsam lösen: Eine Bombe entschärften, um den 3. Weltkrieg zu verhindern (und dabei viel, viel tüfteln und rätseln). Andere der über 200 Game-Anbieter in fast hundert deutschen Städten haben Gefängnisausbruchsszenarien, Harry-Potter-Räume und vieles, vieles andere im Programm. Wer früher z.B. mit Kumpels am Wohnzimmertisch DAS SCHWARZE AUGE usw. spielte, wird begeistert sein!

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