Auftragsdellen, Projektzunahme, gefragte Kompetenzen: unterschiedliche Umfragen zeichneten von der wirtschaftlichen Situation der freiberuflich tätigen IT-Spezialisten in Deutschland ein differenziertes Bild – welche Erkenntnisse, mit der Arbeitsrealität der IT-Freiberufler übereinstimmen, welche eher nicht, dazu geben drei Experten Auskunft.

Laut der jüngsten Erhebung von IDG Research Services u.a. im Auftrag von Etengo, Ferchau und Hays „IT-Freiberufler 2021“ hat die Bedeutung von freiberuflich tätigen IT-Fachkräften branchenübergreifend zugenommen. Konkret war über die Hälfte der rund 400 befragten Entscheider dieser Ansicht. Schaut man explizit auf die Aussagen der IT-Manager, lag die Zustimmung sogar bei 85 Prozent.

Die größten Vorteile sahen die Entscheider in der hohen Flexibilität sowie dem Knowhow von IT-Freiberuflern, das vorwiegend für Zukunftsprojekte sowie der Modernisierung und Aufrechterhaltung von IT-Systemen benötigt wird. Besonders nachgefragt waren im vergangenen Jahr Top-Experten, die neben ihrem Fachwissen, ebenfalls Projekterfahrung in internationalen Teams sowie soziale Kompetenzen in hybriden Arbeitsumgebungen in die Projekte brachten.

Internationale Projekterfahrung und soziale Kompetenzen in hybriden Arbeitsumgebungen

IT Freelancer Magazin: Wie haben Sie diese Punkte in letzter Zeit im Projektalltag erlebt? Kamen die Themen bei Ihnen oder Ihren Kollegen auf?

Dr. Arnd Schnieders (IT Consultant & IT Freelancer des Jahres 2021):Internationalität und hybride Arbeitsumgebungen spielen auch bei meinen Kunden im Projektgeschäft eine zunehmende Rolle. Zumindest in meinem Umfeld wurde die Fähigkeit zur Arbeit in internationalen Projekten und hybriden Arbeitsumgebungen aber eher implizit vorausgesetzt als dass sie explizit thematisiert wurden.“

Pascal Moll (Agile Consultant & 2. Platz IT Freelancer des Jahres 2021): „Aus meiner Sicht haben sich vor allem die hybriden Arbeitsumgebungen im Projektalltag weiter verfestigt. Den Projektalltag mit Home-Office Regelungen und Präsenztage vor Ort erfordert einen zielgerichteten und flexiblen Austausch mit den verschiedenen Knowhow Trägern und Projektrollen.

Hier sind neben Projektorganisationstools (z.B. Ticketsysteme oder Agile Boards) vor allem soziale Kompetenzen wichtiger denn je geworden. Vor Ort beim Kunden war es oft möglich Themen leicht am Kaffeeautomat persönlich zu besprechen. Jetzt hingegen fand die Kommunikation meist über Chatprogramme, Email oder Zoom Calls statt.
Das Thema Internationalität spielte bei mir in den letzten Projekten eine untergeordnete Rolle, da die Projektstandorte sich alle in Deutschland befanden.“

Zusammenstellung der Teams

Laut derselben Studienverfasser beläuft sich der Anteil externer Mitarbeiter in IT-Abteilungen mittlerweile bereits auf über 53 Prozent. Jeder Dritte von ihnen ist als selbständiger IT-Experte tätig. Nur noch knapp die Hälfte der Mitarbeiter in IT-Organisationen sind noch in Festanstellung tätig. Dieser IT-Workforce-Mix wird sich laut der befragten Entscheider auch in 2022 weiter manifestieren.

IT Freelancer Magazin: Wie haben Sie die Zusammenstellung der Teams in letzter Zeit in Projektalltag wahrgenommen? Merken Sie auch, dass vermehrt externe IT-Kräfte eingesetzt werden?

Anne Fiedler (Executive Consultant Digital Culture & Leadership): „Ja das stelle ich ebenfalls fest, insbesondere wenn es um die Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen wie Human Resources und IT geht, um gemeinsame Digitalisierungsvorhaben zu gestalten. Viele Unternehmen brauchen da externe Berater, die ein sehr gutes Verständnis der jeweiligen Interessenslagen einbringen. Eine meiner Aufgaben ist es dabei, Führungskräfte und Teams erst einmal zu befähigen, digital zu denken. Das mache ich anhand gezielter Fragestellungen, um anschließend sauber herausarbeiten zu können, ob und wo genau digitalisierte Prozesse Sinn machen. Dabei ist die Verständigung zwischen den Fachbereichen essentiell. Das funktioniert sehr gut im Mixed-Teams Ansatz.“

Dr. Arnd Schnieders: In den letzten rund 15 Jahren meiner Tätigkeit in verschiedenen Kundenprojekten war der Anteil externer IT-Kräfte durchgehend hoch. Meist wurden zeitlich begrenzt spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten für die Projektdurchführung benötigt. Inzwischen kann aber auch der gestiegene dauerhafte Bedarf an IT-Kräften in den Anwenderunternehmen durch die eigenen Mitarbeiter oft nicht mehr gedeckt werden.“

Pascal Moll: „Ja, diesen Sachstand habe ich auch so wahrgenommen. Besonders bei Spezialthemen lohnt es sich für den Kunden mehr externe Mitarbeiter einzukaufen und das eigene Personal zielführender einzusetzen. Der geschätzte 1/3- Wert deckt sich auch mit meiner Beobachtung.“

Remote Projekte

Laut Aussagen des Marktforschungsunternehmens Lünendonk hat das IT-Projektvolumen für die Freiberufler im abgelaufenen Jahr leicht zugenommen. Nach 1,5 Jahren Pandemie erlaubten die Kunden inzwischen bei knapp drei Viertel der Projekte Remote-Arbeit.

IT Freelancer Magazin: Wie haben Sie das Angebot von Projekten wahrgenommen? Wie sieht es mit Remote-Projekten aus?

Dr. Arnd Schnieders: Auch ich war in 2021 durchgehend in einem länger laufenden Projekt mit einem hohen Anteil an Remote-Arbeit im Einsatz. Aber auch generell hat das Angebot an Remote-Projekten sichtbar stark zugenommen. Meine Hoffnung ist, dass das ein langfristiger Trend ist. Die zunehmende Akzeptanz von Remote-Arbeit reduziert z. B. die Anzahl an Reisetagen, was sich sowohl auf die Klimabilanz als auch auf die individuelle Work/Life-Balance positiv auswirkt.

Pascal Moll: „Bei mir war vor der Pandemie schon immer ein Homeoffice Tag eingeplant, mittlerweile arbeite ich bis auf wenige Ausnahmen vollständig von zuhause. Auch die Projektanfragen die mir zukommen sehen diesen Punkt vor. Meistens kann nach einer kurzen Einarbeitungsphase vor Ort direkt ins eigene Büro gewechselt werden.“

Zusammenarbeit mit Personalvermittlern & Online Plattformen

Neben den etablierten Personaldienstleistern mit Fokus auf IT-Freelancer-Vermittlung, sind zudem IT-Beratungen sowie Online-Plattformen und Marktplätze im vergangenen Jahr verstärkt in den Markt für IT-Freiberufler eingedrungen. Wie werten die Freiberufler selbst die Zusammenarbeit mit den diversen Vermittlungspartnern? Wer konnte zu erhöhtem Auftragsvolumen beitragen – etablierte Personaldienstleister oder Online Plattformen?

Dr. Arnd Schnieders: Unter den Projektvermittlern sind aus meiner Sicht etablierte Personaldienstleister und Online Plattformen gleichermaßen wichtig. Online Plattformen geben eine gute Übersicht über aktuell veröffentlichte Projektvakanzen, hinter denen dann oft Personaldienstleister stehen. Auch der direkte Kontakt zu Personaldienstleistern ist wichtig, idealerweise aus vorangegangenen erfolgreichen Vermittlungen. Klassische große IT-Dienstleister setzen dagegen meiner Erfahrung nach weniger stark auf Freiberufler. Kern ihres Geschäftsmodells ist meist die Erbringung von IT-Dienstleistungen auf Basis eigener Mitarbeiter.

Pascal Moll: „Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Bei den Personaldienstleistern sind viele Gute dabei aber auch viele die einfach nur Profile sammeln wollen und nur begrenzt Informationen zu potentiellen Projekten zur Verfügung stellen. Einige davon fordern zudem Tagessätze welche nicht den marktüblichen Konditionen entsprechen. Daher tendiere ich zu den Online Plattformen, da diese die Informationen meistens vollständig angeben und es für mich einfach ist per Knopfdruck zu- oder eben abzusagen. Durch diesen Prozess spare ich Zeit und muss nicht durch mehrmaliges Nachfragen die benötigten Informationen einsammeln.“

Freelancer Stunden- & Tagessätze sehr hoch

Laut der Studien von BCG sowie IDG treiben die Wirtschaftskraft sowie jahrelange Erfahrung den Preis der IT-Freiberufler nach oben. Es hat sich gezeigt, dass deutsche Freelancer nicht nur viele Jahre Expertise in ihrem Fach vorweisen können, sondern auch verstärkt für digitale Zukunftsthemen in den Unternehmen zuständig sind. Was ebenfalls den Preis nach oben treibt. Wie rechtfertigen Sie diese Entwicklung?

Dr. Arnd Schnieders: Wenn man als Freiberufler erfolgreich sein will, muss man sich mit jedem Projektwechsel aufs Neue am Markt behaupten. Erfahrung, Qualifikation und ein attraktives Leistungsangebot sind hierfür meiner Ansicht nach essenziell. Freiberufler müssen beim Kunden zudem konstant sichtbare Leistung bringen, um ihren Einsatz zu rechtfertigen. Sie gehören daher meiner Erfahrung nach oft zu den Leistungsträgern in den Projekten, was auch mit einer guten Bezahlung einhergeht.

Pascal Moll: „Durch die Spezialisierung der Freiberufler und die ständige Weiterbildung sind diese oft näher an den jeweiligen Themen dran, was es für den Kunden gleichzeitig einfacher macht. In den meisten Fällen fehlen gerade diese Mitarbeiter oder müssten erst zeitintensiv aufgebaut werden. Mit dem Einkauf von IT-Freiberuflern können diese neuen Ansätzen direkt eingeführt und während dem Projekt weitere Mitarbeiter sukzessive aufgebaut werden. Der Vorteil für Unternehmen liegt hier aus meiner Sicht in der Flexibilität und Zeitersparnis.“

Scheinselbständigkeit: Wirklich ein relevantes Thema?

Laut der Studie „IT-Freiberufler 2021“ ist eine der größten Herausforderungen für IT-Selbständige die rechtlichen Rahmenbedingungen rund um das Thema Scheinselbständigkeit. Haben Sie oder Ihre IT-Freelancer Kolleg:innen schon negative Erfahrungen bei dieser Thematik gemacht?

Dr. Arnd Schnieders: Oh je, es gibt wahrscheinlich kaum einen IT-Freiberufler, der mit dem Thema und seinen Folgen noch nicht auf die eine oder andere Weise zu kämpfen hatte. Wegen der herrschenden Unsicherheit beauftragen beispielsweise viele Kundenunternehmen Freiberufler nicht mehr direkt. Ich würde mir sehr wünschen, dass es hier sinnvollere Regeln gibt, die der Realität der IT-Freiberufler gerecht werden und Sicherheit für die Unternehmen schaffen.

Pascal Moll:Negative per se nicht, allerdings ist die bürokratische Hürde deutlich gestiegen. Vor jedem Projekt und jedem neuen Vertragspartner müssen Unmengen an Dokumenten ausgefüllt und ausgetauscht werden. Dies kann natürlich dazuführen, dass sich geplante Projektstarts verzögern.
Die Rechtslage ist für viele nicht eindeutig genug. Außerdem trauen sich einige Firmen auch nicht mehr Freelancer zu beschäftigen, genau aus der Angst dafür belangt zu werden. Das ist für beide Seiten sehr unbefriedigend. Aus meiner Sicht müsste hier deutlich mehr von der politischen Seiten getan werden. Es ist nicht immer möglich mehr als ein Projekt zu betreuen und wenn dieses Projekt über einen gewissen Zeitraum geht, tut sich schon diese Gefahr auf. Die Gesetzeslage ist hier nicht Realitätskonform.“

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Björn ist Marketier aus Leidenschaft. In seiner Funktion als Redakteur verfolgt er das Ziel einen klaren Mehrwert für die IT-Freelancer-Community zu schaffen und diese in ihrem stressigen Alltag bestmöglich mit hilfreichen und interessanten Inhalten zu unterstützen. Als freiberuflicher Digital Marketing Consultant unterstützt er außerdem IT-Freelancer dabei, mit ihrer digitalen Präsenz passende Projektanfragen zu erhalten. Er ist zentraler Ansprechpartner beim IT-Freelancer Magazin. Kontaktmöglichkeiten finden Sie über LinkedIn oder per E-Mail: bjoern.brand@it-freelancer-magazin.de

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