Mangelnde IT-Architektur oft Ursache für Pain Points- Interview mit IT-Architekt Daniel Meier

Zwar stagniert die Nachfrage nach IT-Architekten laut Hays Fachkräfte-Index im aktuellen Quartal, allerdings auf hohem Niveau (knapp 270 Prozentpunkte seit Ersterhebung). Grund genug, um den erfahrenen IT-Architekten Daniel Meier einmal genauer danach zu fragen, welche Kompetenzen am häufigsten nachgefragt werden und wo in den IT-Bereichen die größten Baustellen vorherrschen.

Quelle: HAYS Fachkräfteindex


IT-Architekt ist nicht gleich IT-Architekt

IT Freelancer Magazin: Neben den Berufsbildern Software-Entwickler und IT-Security Spezialist gehört auch die Nachfrage nach den IT-Architekten mit einem Plus von 50 Prozentpunkten zu den Spitzenreitern im IT-Umfeld. Wie lässt sich das begründen?

Daniel Meier: Wenn man von IT-Architekten spricht, dann ist nicht klar, welcher Typ bezogen auf Fähigkeiten, Aufgaben und Zielsetzungen gemeint ist. Man unterscheidet die Typen der Enterprise-Architekten (Fokus auf die Unternehmensarchitektur), System- oder Solution-Architekten (Fokus auf die System- oder Lösungsarchitektur) und Software-Architekten (Fokus auf Applikationen, Dienste etc.). Da in den häufigsten Fällen, die ich kenne, IT-Architektur mit Enterprise-Architektur gleichgesetzt wird, verwende ich hier dieses Synonym. Zu ihrer Frage: Ich begründe dies darin, dass zum einen immer mehr Unternehmen die Wichtigkeit einer sauberen und zukunftssichernden Architektur erkennen. Und zum anderen stellen immer mehr Unternehmen IT-Verantwortliche ein, welche die Digitalisierung im Unternehmen sicherstellen und die Geschäftsprozess unterstützende IT zukunftssicher und nachhaltig aufstellen müssen. Zudem steigen mit dem Einsatz von IoT, Cloud, Big Data, Analytics, KI etc. die Anforderungen an die IT und somit an eine saubere IT-Architektur als Basis.

Mangelnde IT-Architektur oft Ursache für Pain Points

IT Freelancer Magazin: Wie äußert sich diese verstärkte Awareness für eine saubere und zukunftssichernde Architektur? Woran kann man das konkret festmachen?

Daniel Meier: Kunden werden immer IT affiner und verstehen dadurch immer mehr Zusammenhänge zwischen Business und IT und innerhalb der IT. Weiter konsultieren sie die notwendige Beratung, um die aktuellen Pain Points zu analysieren und dessen Gründe offenzulegen. Meistens wir ihnen dadurch klar, dass eine mangelnde IT-Architektur die Ursache ist.

Zum Beispiel nahmen in einem Unternehmen die Kundenreklamationen für ein Produkt zu. Bei einer genauen Analyse kam heraus, dass ein manueller Prozess zwischen zwei Systemen einen fehlerhaften Prozessschritt der Dateneingabe beinhaltete. Die Daten wurden von einem Terminal des Systems A als Liste ausgedruckt, dann von Hand mit den notwendigen Informationen für das Folgesystem B erweitert und anschließend im System B von Hand in einem digitalen Formular eingegeben. Bei der Eingabe sind auf Grund von schlecht lesbarer Schrift, Fehler unterlaufen.

Beim Betrachten der IT-Architekturdokumentation stellte man fest, dass die beschriebene Schnittstelle fehlte. Bei der Analyse der beiden Systeme stellte man weiter fest, dass der Datenaustausch automatisierbar wäre und die Datenanreicherung mittels Regelgenerator automatisch hinzugefügt werden könnte.

Hätte man die IT-Architektur genauer analysiert und somit die Schnittstelle der beiden Systeme, wäre dies bereits vor der Inbetriebnahme bzw. beim Design der IT-Architektur eingeflossen.

IT Freelancer Magazin: Wie definieren Sie eine saubere IT-Infrastruktur?

Daniel Meier: Eine saubere IT-Architektur bedeutet, dass möglichst Systeme loose gekoppelt werden, damit eine Systemintegration optimal möglich wird. Eine optimale Systemintegration bedeutet, dass die Schnittstellen betreffend Daten und Protokollen klar definiert und innerhalb des Unternehmens standardisiert werden sollten. Zudem sind möglichst wenig Datenformate und Protokolle zu verwenden, um die Wartbarkeit zu verbessern und möglichst mit den gleichen Tools gearbeitet werden kann. Hinsichtlich der fortschreitenden Digitalisierung sind die Schnittstellen so zu wählen, dass der Automationsgrad gesteigert und neue Systeme einfacher eingebunden werden können.

Kommunikative Skills und Datenakrobatik sind gefragt

IT Freelancer Magazin: IT-Architekten gelten als die “Baumeister” der IT-Landschaften von morgen. Welche Kompetenzen sind gerade sehr “en vogue”? Warum?

Daniel Meier: Die IT-Architektin agiert in einer multidisziplinären Rolle. In diesen unterschiedlichen Rollen sehe ich die Kommunikationsfähigkeit als generell wichtige und gefragte Kompetenz an. So ist man im ständigen Austausch mit unterschiedlichen Interessengruppen wie Unternehmens- und Projektmanagement, Anforderungsgebern, Security-, Infrastruktur- und Systemspezialisten etc. In diesem Austausch muss man die jeweilige Domäne verstehen und auch dessen Sprache sprechen können.

Eine weitere gefragte Kompetenz ist die Datenmodellierung, d.h. da Daten immer wichtiger werden und die Richtung zu Big (Big) Data geht, müssen IT Architekten die Modellierung von Daten beherrschen. In dieser Rolle gehören weiter die Modellierungssprachen BPMN (Business Process Modelling Notation) und UML (Unified Modelling Language) dazu, um die Geschäfts- mit der IT-Welt zu verbinden. Meistens trifft man schlechte oder fehlende Anforderungen in Projekten an. Ein IT-Architekt muss außerdem die Kompetenz der Anforderungsanalyse und des Anforderungsmanagements besitzen, damit eine IT-Architektur überhaupt vollständig und richtig (funktional u. qualitativ) umgesetzt wird. Weiter müssen komplexe Zusammenhänge schnell erfasst und verständlich visualisiert werden können. Und als letzte wichtige Kompetenz sehe ich die Fähigkeit, die strukturiert/analytische Vorgehensweise mit der kreativen zu verbinden. Dies nenne ich eine ganzheitliche Vorgehensweise.

Robuste Strukturen für die Zukunft sind rar

IT Freelancer Magazin: Viele Unternehmen sprechen in ihren Stellenanzeigen für IT-Architekten von “zukunftsfähigen IT-Strukturen”, was genau meinen sie damit?

Daniel Meier: Darunter kann man Verschiedenes verstehen. Das häufigste, was ich aus meiner Praxis kenne ist, dass die IT-Architektur so ausgelegt werden soll, dass zukünftige Geschäftsprozessänderungen in der Wertschöpfungskette einen möglichst minimalen Einfluss auf die IT-Landschaft (oder auch Struktur) und somit auf die IT-Kosten haben. Zudem meint man auch, dass es zukünftig einfach sein soll, die Digitalisierung des Unternehmens aktuell zu halten (z.B. eine einfache Anbindung an die Cloud bzw. an Cloud-Dienste).

Weg von zu vielen Insellösungen

IT Freelancer Magazin: Wo sehen Sie persönlich den größten Nachholbedarf in den Systemlandschaften? Welche Versäumnisse gibt es aus strategischer und operativer Perspektive?

Daniel Meier: Den größten Nachholbedarf in den Systemlandschaften sehe ich bei den inhomogenen Systemen, welche zum Teil mit hohem Aufwand und nicht immer optimal aufeinander abgestimmt sind. Hierbei meine ich, dass noch viel zu viele manuelle oder teilmanuelle Prozesse zwischen diunterscheidet diee Systeme geschaltet sind, was eine hohe Fehleranfälligkeit hervorruft und die Performance entlang der Wertschöpfungskette und somit die Konkurrenzfähigkeit negativ beeinflusst.
Aus meiner Erfahrung ist dies dadurch begründet, dass Systeme einzeln eingekauft wurden, ohne diese im Gesamtsystemkontext zu evaluieren. Das Versäumnis dahinter liegt darin, dass meistens aus der Perspektive des Systems (was kann das System alles?) entschieden wird und nicht, was dem Business bzw. den Geschäftsprozessen der ganzen Wertschöpfungskette optimal dient (business-driven).

Über den Interviewpartner:

Daniel Meier ist Business- und IT-Consultant, IT- & Softwarearchitekt, IT-Trainer und LEGO® SERIOUS PLAY®-Facilitator. Mit seiner Firma meier.consulting, legt er den Fokus auf die Beratung von innovativen Unternehmenslenkern, welche ihr Unternehmen durch gezielte, sinnvolle und nachhaltige Digitalisierungsmassnahmen, konkurrenzfähig und zukunftssicher aufstellen wollen. Eine Stärke liegt im agilen Wechselspiel zwischen Top-Down & Bottom-Up Vorgehen. Seine LEGO® SERIOUS PLAY®-Workshops tragen wesentlich, durch Kreativität und Effizienz, zum Erfolg von Digitalisierungsprojekten bei.

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