Der SThree Freelancer Roundtable zur Nutzung von Projektplattformen durch MINT-Freelancer

SThree war mit dem Moderatoren Luuk Houtepen (Director Strategic Partnerships & Innovation) Gastgeber des Freelancer Roundtables, der am 14.7.2021 um 12.00 Uhr bis 13.00 Uhr stattfand. Das Zoom-Webinar findet also zu einer Mittagspausen-tauglichen Zeit statt und da Kameras und Mikrofone der Gäste ausgeschaltet sind, kann man getrost das Jackett im Schrank hängen lassen, entspannt zuhören und trotzdem per Frage & Antwort-Kanal mit den Gesprächspartnern in Interaktion treten. Das Thema des Roundtables lautete:

Praxis-Guide für MINT-Freelancer: Was gibt es bei der Nutzung von Projektplattformen zu beachten?

Björn Sacknieß, Bundesverband für selbständige Wissensarbeit Copyright: Thomas Koehler/ photothek.net

Björn Sacknieß vom Bundesverband für selbständige Wissensarbeit war sich sicher, dass die aktuelle Regierungskoalition sich auch aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zum Thema Plattformökonomie bis zur Bundestagswahl nicht mehr auf eine gemeinsame Position zur Plattformökonomie einigen wird. Auf europäischer Ebene erwartet er einen Entwurf zur Regulierung der Arbeitsbedingungen von Plattformbeschäftigten, bis Ende 2021. In der deutschen/europäischen Politik werde, so Sacknieß, diesbezüglich jedoch zu wenig differenziert und zu sehr auf das Schutzbedürfnis der Auftragnehmer abgehoben. Gewerkschaften zeigen darüber hinaus aktuell ein steigendes Interesse, die Auftragnehmer unter ihrer Ägide zu bündeln und so gegenüber den Plattformbetreibern eine Gegenmacht aufzubauen. Insbesondere warnte er davor, durch zu viel Regulierung im Bereich Plattformen, den Auftragnehmern die unternehmerische Freiheit zu nehmen. Dies und vor Allem die fehlende Rechtssicherheit bei selbständigen Wissensarbeitern gefährde die Innovationsfähigkeit und die dringend notwendige Digitalisierung Deutschlands. Es bleibe für ihn spannend, was die Bundestagswahl an positiven und negativen Änderungen bringen wird – eine entsprechende Prognose will er noch nicht wagen.

Dr. Sebastian Buder, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt u.a. auf Scheinselbständigkeit und Partner der Anwaltskanzlei Taylor Wessing, verwendet den Begriff der Plattformökonomie, vereinfacht gesagt die „internetbasierte, digitale Zusammenführung von Angebot und Nachfrage“. Auch wenn eine Plattform internet-basiert sei, kann perspektivisch nicht ausgeschlossen werden, dass auch Personaldienstleister seitens des Gesetzgebers stärker gesetzlich reglementiert werden – daher sei die Aufgabe für die Bundesverbände, die entsprechenden Gesetzgebungsverfahren genau im Auge zu behalten und entsprechend zu begleiten. Buder hinterfragte das Geschäftsmodell der Digitalen Nomaden. So sei es als Digitaler Nomade seiner Ansicht nach zwingend, insbesondere wenn man sich länger als ein halbes Jahr in einem Land aufhält und dort arbeitet, sich mit der jeweiligen nationalen Gesetzgebung zu beschäftigen, um sich einen Überblick steuer-, sozialversicherungs- oder aufenthaltsrechtlich relevanter Themen zu verschaffen. Beispielsweise welche Kriterien gelten dort, um tatsächlich als Selbständiger und nicht als Angestellter zu gelten, oder welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich bei „Remote“ Tätigkeiten nach dort geltendem Recht. Wenn sich zudem Freelancer zu sehr von Plattformen abhängig machen, kann das schwerwiegende Folgen haben. So sei ungerechtfertigten schlechten Bewertungen bei im Ausland ansässigen Plattformen juristisch nur sehr schwer beizukommen.

Dr. Sebastian Buder, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt auf Scheinselbständigkeit und Partner der Anwaltskanzlei Taylor Wessing
Luuk Houtepen, Director Strategic Partnerships & Innovation SThree

Luuk Houtepen gab zu bedenken, dass globale Plattformen den fairen Wettbewerb verzerren, da Anbieter aus Niedrigsteuerländer eben auch geringere Preise bei gleicher Leistung aufrufen können. So zahlten in Malta ansässige Anbieter nur ein Drittel der Steuern eines deutschen Anbieters. Anbieter von Standorten mit hohen Lebenshaltungskosten, wie beispielsweise München, würden zusätzlich benachteiligt. Plattformen generell seien in seiner Wahrnehmung stark auf die Bedürfnisse von Nachfragern ausgerichtet und entsprechend nicht auf die Bedürfnisse von Selbständigen Wissensarbeitern/Freiberuflern. Luuk Houtepen kennt keinen einzigen Freelancer aus dem deutschsprachigen Raum, der auf internationalen Plattformen (z.B. Upwork, Fiverr) arbeitet, geschweige denn erfolgreich. Das IT Freelancer Magazin stellte ihm die Frage, wie deutsche Plattformen, also beispielsweise Freelance.de oder freelancermap, sich strategisch gegen die internationale Konkurrenz aufstellen sollten. Houtepen meinte, dass internationale Plattformen häufig mit extrem viel Marketingbudget seitens ihrer Investoren ausgestattet seien – und damit langfristig erhebliche Marktanteile gewinnen würden. Deutsche Investoren könnten mit ihrem Budget einfach nicht mithalten. XING erlebe das gerade mit LinkedIn, das seit 2016 zu Microsoft gehöre. Regulatorik könnte eine Chance bieten, denn deutsche Plattformen könnten sich an solche nationalen/regionalen Regulierungen eventuell besser anpassen. Sich nur auf die bessere Qualität der eigenen Plattform zu verlassen, dürfte nicht ausreichend sein, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Steffen Köhler, Mitglied beim DBITS und selbst IT-Freelancer in der IT-Security, meinte, dass Plattformen, wie Fiverr, sich nur für klar beschreibbare Mikrotasks eignen. Solche Microtasks können künftig einem IT-Freelancer sogar manchmal als Lückenfüller bis zum nächsten richtigen Projekt nutzen. Komplexe Aufgabenstellungen und IT-Freelancer, die solche bedienen, müssten keine Konkurrenz aus dieser Richtung fürchten. Plattformen tendieren generell zum Monopol, das für alle Seiten Vereinfachungen mit sich bringt, aber letztendlich weder Auftraggebern noch Auftragnehmern Freiheit bieten können. Gegenüber der internationalen Konkurrenz über Projektplattformen gab Köhler zu bedenken, dass z.B. im IT-Security-Bereich ein geringer Stundensatz die Frage aufwerfe, ob der Anbieter beim Kunden mit den vorgefundenen Daten wirklich vertrauensvoll umgeht oder er sich, zynisch gesagt, nicht mit deren illegalem Verkauf ein „ergänzendes Gehalt“ hole. Auch sollte man sich bei den Auftragnehmern deren Land genau anschauen, ob es dort nicht gewisse politische Interessen gebe, die mit einem deutschen Auftragnehmer eher unwahrscheinlich sind.

Steffen Köhler, IT-Freelancer IT-Security & Mitglied DBITS

Die Teilnahme am SThree Freelancer Roundtable war kostenfrei und außer der Zeitstunde mit keinerlei Aufwand verbunden. Die Diskussion war kurzweilig und anregend und somit ein gutes Angebot für die Freelancer-Community seitens SThree, dem Gold-Sponsoren des IT Freelancer Magazins. Übrigens kann kann man sich alle Freelancer Roundtables als Aufzeichung anschauen unter: https://www.sthree.com/de/events-aufzeichnungen/

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