Wie relevant wird Remote Working in der Zukunft für IT-Freelancer werden?

Wie relevant wird Remote Working in der Zukunft für IT-Freelancer werden?

Die Corona Krise hat in vielen Firmen zu einer Veränderung der Arbeitsverhältnisse gesorgt und ein Umdenken beim Thema Remote Working angestoßen. Das Arbeiten aus dem Homeoffice heraus ist mittlerweile im Mainstream angekommen. Viele IT Selbstständige arbeiteten schon bereits vor der Krise remote und können nun mit ihrer selbstbestimmten Arbeitsweise mit gutem Beispiel vorangehen und aus ihrer Erfahrung schöpfen. Wir wagen einen Ausblick und versuchen die wichtigsten Fragen des Themas „IT Freelancer im Remote“ im Doppel Interview mit Alexander Raschke (Vorstand der Etengo (Deutschland) AG) und Steffen Köhler (IT Freelancer) zu beantworten:

IT Freelancer Magazin: Herr Raschke, wie hat sich der Anteil der Remote arbeitenden IT-Freelancer im Zuge der Corona Krise verändert? Haben Sie hierzu Daten erhoben?

Alexander Raschke: Laut der aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmens Lünendonk, ist die Anzahl von Projekten mit Remote-Anteilen von rund 30 Prozent in 2019 auf über 45 Prozent in 2020 gestiegen. Im Durchschnitt arbeitet ein Freiberufler im Einsatz heute bereits 2,3 Tage pro Woche remote. Wir haben dazu keine weiteren, detaillierten Daten erhoben, wissen aber, dass die Entscheidung über Remote-Tätigkeit von Unternehmen sehr individuell gehandhabt wird. Insgesamt spiegelt der ermittelte Remote-Anteil des Marktforschers sehr genau das aktuelle Etengo-Geschäft und damit die Anforderungen der Unternehmen wider. Wir gehen für die Zukunft davon aus, dass dieser Anteil mindestens stabil bleibt.

IT Freelancer Magazin: Wie wirkt sich die virtuelle Zusammenarbeit auf die Arbeit der IT-Freiberufler aus? 

Alexander Raschke: Die Option, ortsunabhängig arbeiten zu können, wurde bereits vor Corona von vielen IT-Freiberuflern in Anspruch genommen – weshalb Selbstorganisation, eigenverantwortliches Arbeiten und räumlich getrenntes Zusammenarbeiten für sie selbstverständlich sind. Wenn Sie nach dem Zuschnitt der Aufgaben fragen, erkennen wir keine grundsätzliche Veränderung im Aufgabenspektrum von IT-Freelancern. Ihr Knowhow wird nach wie vor dringend benötigt.

Steffen Köhler: Hier hat Corona die Situation sowohl auf Seiten der Auftraggeber als auch auf Seiten der IT-Freiberufler stark beeinflusst. Vor-Ort-Einsätze sind beim Kunden nicht mehr möglich oder sinnvoll. Sei es, weil die Ansprechpartner selbst Remote arbeiten, weil neue Firmenrichtlinien es nicht mehr zulassen, weil Flüge und Hotels nicht mehr verfügbar waren oder aber aus gesundheitlichen Abwägungen des Freiberuflers selbst.

Der Druck auf die Kunden, Remote-Tätigkeiten ermöglichen zu müssen, hat Infrastrukturen und Arbeitsweisen geschaffen, die auch zukünftig Remote-Work begünstigen. Diese Veränderungen fordern aber von Freiberuflern neben den technischen und organisatorischen Fähigkeiten verstärkt soziale Kompetenzen im Bereich der Kommunikation und Eigenständigkeit bei der Einarbeitung.

IT Freelancer Magazin: Wie hat Corona das Arbeitsumfeld (Remote Work) der IT-Freiberufler verändert? Wo gibt es dabei die größten Herausforderungen (jenseits der technischen Anbindung?)

Alexander Raschke: Die rein fachlichen und ergebnisorientierten Projektbesprechungen, die mit allen Beteiligten stattfanden, sind remote zu den festgelegten Zeiten ohne Probleme realisierbar. Was durch Corona wegfällt, sind die zwischenmenschlichen und informellen Gespräche, bei denen wesentliche Informationen zu Quellcodes oder anstehenden Terminen kurz, persönlich und „auf dem kleinen Dienstweg“ ausgetauscht werden. Dies sehen wir als eine der größten Herausforderungen in der Organisation eines virtuellen Teams. Tatsächlich merken wir, dass beispielsweise Soft Skills beim Einsatz von Digital- & IT-Experten immer mehr von Kunden gefordert werden.

Steffen Köhler: Die Veränderung hängt stark davon ab, wie der Freiberufler bisher seinen Arbeitsplatz gestaltet hat. Persönlich hatte ich bereits vor der Corona-Krise einen technisch aktuellen, ergonomischen Arbeitsplatz, den ich dank Remote-Work nun regelmäßig nutzen kann. Einzig der Zugang zum Kunden endet derzeit in einer gekapselten Remote-Desktop-Sitzung, die sich auf niedrige Bildschirmauflösung beschränkt. Wer allerdings einen dauerhaften Einsatz beim Kunden hatte, muss sich seine persönliche Infrastruktur erst einrichten, und steht möglicherweise vor Soft- und Hardwareinvestitionen. Neben der Technik spielt noch ein weiterer Aspekt eine wesentliche Rolle: Im Austausch mit meinen Verbandskollegen des DBITS kam die Rückmeldung, dass persönlicher kollegialer Austausch, Flurfunk, eine Vorstellung im Team oder die persönliche Nachbesprechung im Team allen derzeit verloren geht.

IT Freelancer Magazin: Werden die IT-Freiberufler beim Remote Work mit anderen Aufgaben betraut? Wie hoch ist der Anteil von Routinetätigkeiten versus Problemlösungen?

Steffen Köhler: Bei Bestandskunden hat sich während der Corona-Krise das Aufgabengebiet nicht wirklich verändert. Inwieweit der Freiberufler überhaupt mit Routine-Tätigkeiten betraut ist, hängt sicherlich von der individuellen Aufgabenstellung ab. Üblicherweise erlebe ich, dass das Tagesgeschäft auch weiterhin von den internen Mitarbeitern erledigt wird. Da das Aufgabengebiet auch zuvor bereits klar definiert wurde, hat sich der Workload hier bisher nicht verschoben.

IT Freelancer Magazin: Genießen IT-Freiberufler beim Remote Work einen größeren Gestaltungsspielraum als sonst?

Alexander Raschke: Für viele Selbstständige ist die Arbeit als Freiberufler so interessant, weil sie von Grund auf eine gewisse Flexibilität und ausreichend Gestaltungsspielraum mit sich bringt. Das durch Corona initialisierte Umdenken, beispielsweise in der Organisation von Teams oder der Realisierung von Projekten, bringt neue Konzepte und Chancen für die Gestaltung des Arbeitstags mit sich. Dennoch erkennen wir hier keinen Trend, vielmehr würden wir das von der jeweiligen Aufgabenstellung abhängig machen. Hat ein Freiberufler die Gesamtverantwortung für ein IT-Infrastrukturprojekt, braucht er Gestaltungsspielraum – remote oder nicht.

Steffen Köhler: Was den zeitlichen Gestaltungsspielraum angeht, ist das sehr stark von der Art des Einsatzes abhängig. Als Programmierer ist man natürlich nicht mehr an die üblichen Office-Zeiten beim Kunden gebunden. Im Bereich der Beratung ist aber eine höhere Taktung von Telefonkonferenzen sowie – mangels alternativer Informationsbeschaffungsmöglichkeiten – auch die Notwendigkeit der Teilnahme zu beobachten, so dass dieser Gestaltungsspielraum eher nicht gegeben ist. Zudem ergibt sich eine Änderung im Bereich der kreativen Zusammenarbeit. In Online-Konferenzen bleiben nur noch PC-gestützte Tools als Möglichkeit des Austausches. Kreative Arbeitsmittel wie Flipcharts, Whiteboards etc. scheiden weitestgehend aus. Hier sind neben den beim Kunden zur Verfügung stehenden Tools auch die entsprechenden Kenntnisse erforderlich, um diese effektiv einsetzen zu können. Dies ist zumindest in meinem Kundenumfeld nicht üblich und hat meine bisherige Arbeitsweise auch nicht eingefordert.

IT Freelancer Magazin: Wie steht es um die Work-Life Balance der Freiberufler, wenn sie Remote arbeiten? Nimmt der Auftraggeber Notiz davon?

Steffen Köhler: Ich glaube generell ist der Freiberufler selbst für das Thema Work-Life-Balance verantwortlich.

IT Freelancer Magazin: Wie verändert sich durch die Remote Arbeit die Stundensatzkalkulation des Freelancers? Welche Kosten fallen weg, welche kommen hinzu?

Alexander Raschke: Grundsätzlich wurde schon immer zwischen Vor-Ort und Remote-Einsatz in den Tages- und Stundensätzen differenziert. Aktuell kommen stärker die Remote-Sätze zum Tragen, rund die Hälfte der IT-Freiberufler arbeiten in hybriden Modellen, also im Wechsel vor Ort und remote. Letztlich sehen wir aber, dass die Skills zur Realisierung von IT- & Digitalisierungsprojekten sowie die jeweilige Verfügbarkeit die entscheidenderen Kriterien für unsere Kunden sind.

Steffen Köhler: Ja das ist richtig, bei Remote Work entfallen Reisekosten. Persönlich kalkuliere ich schon seit Jahren einen Remote- und einen Vor-Ort-Stundensatz, der auch noch vom Einsatzort selbst abhängig ist. Da ich mir bereits bisher eine eigene Arbeitsumgebung für meine Tätigkeit geleistet habe, habe ich tatsächlich keine zusätzlichen Kosten bei Remote Work. Wer hier platzbedingt aber Workspace und/oder Infrastruktur anschaffen muss, muss das entsprechend in seinen Stundensätzen kalkulieren. Auch in hybriden Modellen, wie von Alexander Raschke angesprochen, kommt es wesentlich auf die Ausgestaltung an. So wird eine wöchentliche Anreise für 1-2 Tage höhere Aufwände und Kosten verursachen, als ein Wechsel zwischen Remote / vor Ort der wochenweise passiert.

IT Freelancer Magazin: Ist die jetzige flexiblere Arbeitsorganisation Grundlage für die Weiterentwicklung einer Unternehmenskultur in Richtung Ergebnisorientierung? Welchen Beitrag leisten die IT-Freiberufler mit ihrer selbstbestimmten Arbeit dafür? 

Alexander Raschke: Auch wenn die aktuellen Debatten zur Remote-Arbeit darüber hinwegtäuschen, so herrscht in vielen Unternehmen noch immer ein starker Kontrollmodus vor. Und das, obwohl stets behauptet wird, die Mitarbeiter sollen kreativ sein und selbstbestimmt handeln. Vor diesem Hintergrund könnten IT-Freiberufler mit ihrer Arbeitsweise wirklich neue Akzente setzen, die dann nach und nach auch auf die gesamte Belegschaft übertragen wird. Hier sehe ich vor allem Bewegung im Mittelstand.

Steffen Köhler: Inwieweit die Unternehmenskultur sich weiterentwickelt, kann ich derzeit schwer abschätzen. Ich beobachte aber, dass Unternehmen mit einem modernen Führungsverständnis in Krisenzeiten wie Corona massiv davon profitieren, wenn sie auf Vertrauen setzen, eigenverantwortliches Arbeiten fördern und Freiraum zum Gestalten geben. Damit wären Mitarbeiter auch im Home-Office nicht orientierungslos, sondern könnten ihre Tätigkeiten entsprechend der Vorgaben reibungslos weiter ausüben. Als Freiberufler habe ich eher eine Sonderrolle im Unternehmen, die es mir in Gesprächen ermöglicht, den Sinn oder die Bereitschaft für neue Arbeitsmethoden zu vermitteln oder vorzuleben. Ich engagiere mich insbesondere im Bereich der Compliance-Konformität, die im laufenden IT-Betrieb häufig unter die Räder kommt, in regulierten Branchen aber zunehmend überprüft wird.

IT Freelancer Magazin: Tun sich durch die Remote Arbeit vieler Arbeitnehmer im Moment für die IT-Freelancer neue Geschäftsfelder auf? Welche Bereiche des IT-Freelancings werden in Zukunft vom Umdenken beim Thema Remote Working profitieren? (z.B. Schaffung der IT-Infrastruktur für die Unternehmen)

Steffen Köhler: Durch den Lockdown mussten quasi über Nacht Remote-Arbeitsplätze geschaffen werden. Dieses Szenario kurzfristig über die Beauftragung von IT-Freiberuflern zu lösen, ist schwer. Vereinzelt war dies aber sicher der Fall. Insgesamt glaube ich, dass die Corona-Krise tatsächlich Trends nur verstärkt bzw. beschleunigt und Beratungs- und Umsetzungsunterstützung für alle Themen rund um die Digitalisierung weiterhin eine hohe Nachfrage haben werden. Integrationstiefe und Komplexität werden bei zunehmender Entwicklungsgeschwindigkeit weiter steigen, was permanente Weiterbildung bei zunehmender Spezialisierung des Einzelnen mit sich bringen wird. Das wiederum zieht den Bedarf nach Lösungsdesign und IT-Architektur sowie Management und Koordination von Teams, die aus Spezialisten bestehen, nach sich.

IT Freelancer Magazin: Wie wichtig sind Unternehmen jetzt die Netzwerke der Freiberufler?

Alexander Raschke: Das müssen Sie Herrn Köhler fragen. Was ich von unserer Seite sagen kann ist, dass wir uns als Partner unserer Freiberufler verstehen und auch so agieren. Das geht bei der Transparenz unserer Margen los und endet bei der Organisation von Anschlussprojekten – selbstverständlich in enger Absprache mit den Freiberuflern.

Steffen Köhler: Sicherlich nutzen Unternehmen auch die Netzwerke von Freiberuflern, um eine zusätzliche Position verlässlich besetzen zu können. Je nach Unternehmensgröße gibt es jedoch Beschaffungsprozesse, welche das eher nicht berücksichtigen. Mindestens ebenso wichtig finde ich aber das Netzwerken für den Freiberufler selbst. Sei es in einem Berufsverband wie dem DBITS, sei es mit fachlich passenden Freiberuflern oder auch mit IT-Systemhäusern und Vermittlern. Das Netzwerken liefert neben dem rein fachlichen Austausch auch wertvolle Erkenntnisse in ganz anderen Bereichen: Was sind die wichtigen Themen? Welche Probleme gibt es? Braucht jemand Zugänge oder Unterstützung in der Vermarktung seiner Leistungen?

IT Freelancer Magazin: Herr Raschke, Herr Köhler, herzlichem Dank für das Interview!

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