„Wir schauen schon nach vorne“- Interview mit Carlos Frischmuth & Jan Jagemann vom ADESW

Die Einschränkungen im Rahmen der weltweiten COVID-19 Pandemie haben auch die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht getroffen. Die beiden Vorstände des Bundesverbandes für selbständige Wissensarbeit e.V., Carlos Frischmuth (Hays) und Jan Jagemann (Krongaard), geben einen Einblick in die Branche der Personal- und Projektdienstleister und blicken in die Zukunft.

IT Freelancer Magazin: Herr Frischmuth, Herr Jagemann, als wir Anfang Februar über den Ausblick für 2020 gesprochen haben, war noch nicht absehbar, dass COVID-19 Deutschland so stark treffen würde. Wie beschreiben Sie die aktuelle Situation Ihrer Mitgliedsunternehmen?

Carlos Frischmuth: Die COVID-19 Pandemie hat natürlich einen relevanten Effekt auf die Auftragslage der Projekt- und Personaldienstleister und der selbständigen Wissensarbeiter. Die Auswirkungen schwanken aber sehr stark, so dass ich sagen würde, dass der Markt der selbständigen Wissensarbeit insbesondere in der IT mit einem blauen Auge durch diese Krise kommt. Wir erkennen eine recht hohe Stabilität bei laufenden Projekten im Bereich des Freelancings über alle Skill-Bereiche (IT, Engineering, Finance etc.), d.h. deutschlandweit fallen die abrupten Projektabbrüche zum Glück relativ gering aus. Das ist ein positives Zeichen! Den Grund dafür sehe ich darin, dass viele der von uns beauftragen selbständigen Experten aufgrund der bestehenden Beauftragungssituationen, der modernen Ausprägung des Arbeitens beispielsweise über Remote-Work und der aktuell stärker denn je gefragten Digitalisierungsexpertise weiterhin gefragt sind. Natürlich gibt es aber auch bei uns Einbußen, welche sich vor allem auf zwei Aspekte runterbrechen lassen. Einmal die krisenbedingte Unsicherheit des Auftraggebermarktes bezüglich zusätzlicher, neuer Projektinvestitionen, auch wenn der Digitalisierungsdruck aktuell sogar noch zunimmt. Hier siegt Kurzfristigkeit über Mittel- und Langfristigkeit. Viele Unternehmen sind erstmal im Modus von Cost- bzw. Cash-Control. Und während viele eigene Mitarbeiter vielleicht sogar in Kurzarbeit gestellt sind, wird man ungern externe Beauftragungen für neue Projekte lostreten. Das hat sogar kulturelle Aspekte.
Ein weiterer Effekt ist natürlich der Lockdown selbst, welcher auch die Projektanbahnung, das Kennenlernen sowie die Auswahl- und Verhandlungsprozesse für externe Auftragnehmer deutlich erschwert. Aber ich will nicht verschweigen, dass es auch Branchen gibt, welche eine besonders hohe „Projekt Resilienz“ gezeigt haben wie beispielsweise der Pharma-Life Science Bereich. Wir sehen grundsätzlich weitere Erholungen am Horizont, aber es ist einfach noch zu früh, eine weitergehende Prognose abzugeben.

IT Freelancer Magazin: Welche Gründe sehen Sie für diese relative Stabilität?

Jan Jagemann: In der Krise kommt zum Tragen, dass viele Projekte, in denen unsere Verbandsmitglieder aktiv sind, in ihren strategischen Zielen langfristig ausgelegt sind. Die Kundenunternehmen stoppen diese (vorerst) nicht. Stattdessen profitieren sie nun davon, dass externe selbständige Experten sie dabei unterstützen, kritische Infrastrukturthemen und wichtige Zukunftsprojekte am Laufen zu halten. Und: die Unternehmen wissen, dass nach der Phase des Krisenmanagements und der Stabilisierung eine Wachstumsphase folgen wird, auch wenn heute keiner genau sagen kann, wann. Aber diese Krise zeigt ja auch in aller Deutlichkeit die Mängel und Lücken unseres heutigen Systems auf. Das wiederum wird zu unzähligen neuen Projekten führen, die auch mit der Hilfe von selbständigen Expertinnen und Experten umgesetzt werden müssen: Schulen, die keine digitalen Unterrichtskonzepte haben. Lieferketten mit zu großen Abhängigkeitsfaktoren. Ausbau des digitalen Lernens in Unternehmen. Beschleunigung der Transformation zum digitalen Handel. Eine andere Sicht auf das Betriebskontinuitätsmanagement in Unternehmen. Eine viel stärker digitalisierte, vernetzte Gesundheitswirtschaft und eine ganze Menge weiterer Themen. In der Umsetzung sind es neue Projekte, und in Projekten brauchen Unternehmen immer auch die Impulse und die Expertise selbständiger Spezialisten.

IT Freelancer Magazin: Die Bundesregierung hat ja eine Reihe von Sofortmaßnahmen aufgelegt, unter anderem auch für Selbständige. Wie bewerten Sie dies und was muss aus Ihrer Sicht noch erfolgen, damit die selbständigen Wissensarbeiter die Krise überwinden?

Jan Jagemann: Ehrlich gesagt: Wir schauen schon nach vorne. Neue Aufträge helfen den Selbständigen am meisten, und darauf sollte nun der Fokus liegen. Die Krise hat nochmals mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass Innovationsfähigkeit und digitale Kompetenzen für eine starke Volkswirtschaft essenziell sind. Dies hat ja René Troche, von unserem Mitglied im Bundesverband für selbständige Wissensarbeit e.V. Westhouse Consulting, im Interview mit Ihnen bereits deutlich gemacht.

Daher begrüßen wir sehr die Ankündigung der Koalitionspartner, Belastungen für Beschäftigte und Unternehmen durch Gesetze und andere Regelungen zu vermeiden. Darüber hinaus gilt es, diejenigen Bereiche, die bereits vor der Krise ein Hemmnis für Innovationskraft und Digitalisierungsvorhaben waren, nun aktiv zu verbessern. Und genau dabei unterstützen wir, der Bundesverband für selbständige Wissensarbeit, gerne konstruktiv und zukunftsgerichtet. Jede Art von Einschränkungen sollte möglichst vermieden werden.

IT Freelancer Magazin: Woran denken Sie, wenn Sie hier Einschränkungen erwähnen?

Carlos Frischmuth: Wie bereits im Ausblick für 2020 beschrieben, ist es wichtig, dass das Thema Rechtssicherheit für selbständige Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter vorangetrieben wird. Zum Beispiel könnten schnelle untergesetzliche Regelungen in der Praxis eine große Wirkung erzielen und zu mehr Rechtssicherheit in der Beauftragung bei Auftraggebern und Auftragnehmern führen. Hier gilt es nun auf Seiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), möglichst zeitnah zu reagieren. Deutschland kann und darf es sich gerade jetzt nicht leisten, die selbständigen Wissensarbeiter und deren Auftraggeber in puncto Rechtssicherheit und Erwartungssicherheit – insbesondere im Bereich von agilen Projekten – hängen zu lassen und mit einer unverhältnismäßigen Bürokratisierung zu behindern.

IT Freelancer Magazin: Bleibt das Thema verpflichtende Altersvorsorge für Selbständige auf der politischen Agenda?

Jan Jagemann: Wir haben momentan keine Hinweise darauf, dass das BMAS dieses Thema nicht weiterverfolgt. Insofern rechnen wir weiterhin mit einem Referentenentwurf, wenn auch aufgrund der aktuellen Situation wohl etwas später als geplant. Das rechtzeitige Befassen und der verantwortungsbewusste Umgang mit der eigenen Altersvorsorge sind ja durchaus zu begrüßen. Doch auch hier ist es aufgrund der aktuellen Situation umso wichtiger, dass es zu keinen übermäßigen Belastungen kommt, die den Neustart aus der Krise behindern. Dies gilt insbesondere für die Bestandselbständigen als auch für Gründer, die mit ihren neuen Geschäftsmodellen zur Innovationfähigkeit beitragen und auch wiederum neue Arbeitsplätze schaffen.

IT Freelancer Magazin: Was nehmen Sie als Verband noch mit aus dieser Krise? Wie bewerten Sie die Bedeutung der selbständigen Experten?

Carlos Frischmuth: Auch in der aktuellen Verbandsarbeit hat sich nochmals verstärkt gezeigt, dass man an der Digitalisierung gar nicht vorbeikommt. Der Austausch mit politischen Akteuren hat sich oftmals in den virtuellen Raum verlagert und das ist ehrlich gesagt für die politische Arbeit äußerst ungewohnt. Denn diese Politik-Verband-Szene ist ein sehr konservatives und analoges Umfeld, um es einmal so zu sagen. Aber ich bin mir sicher, dass diese neuen, digitalen Formate, die jetzt entstanden sind, auch in Zukunft weiter Bestand haben werden.

Doch wichtiger ist aus meiner Sicht: Wir müssen die Stärken der Selbständigen für den Standort Deutschland jetzt noch besser nutzen. Gerade der deutsche Mittelstand ist auf die Expertise der selbständigen Experten dringend angewiesen, heute mehr als zuvor. Wenn wir schnell aus der Krise kommen wollen, dann müssen wir alles dafür tun, unser vorhandenes Potential bestmöglich zu nutzen. Und das ist bei uns vor allem die menschliche Ressource – mit ihrer Innovationskraft, Kreativität, Agilität und Ausdauer. Ich spreche ganz häufig, etwas akademisch zugegeben, von dem unterschätzten volkswirtschaftlichen Nutzen von Selbständigkeit durch den sogenannten Allokationseffekt. Was meine ich damit? Konkret für die IT Welt gesprochen: In Deutschland sind zehntausende IT-Freelancer weitestgehend mobil oder remote je nach Verfügbarkeit überall einsetzbar und erreichen schon nach wenigen Tagen im Projekteinsatz eine relevante Produktivität aufgrund ihrer Flexibilität und umfangreichen Erfahrungen. Dieses enorme Wissen in einer einzelnen Gruppe – beispielhaft hier der IT Freelancer – ist ein unglaublicher Erfolgsfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Wir werden nicht müde, das in politischen Gesprächen immer wieder zu betonen!

Jan Jagemann: Insgesamt sehen wir uns gut aufgestellt: Der Wissenspool der selbständigen Experten ermöglicht den Unternehmen, die Expertise und Problemlösungskompetenz hochqualifizierter Spezialisten punktuell und temporär zu nutzen und so ihre Produktivität gezielt zu erhöhen. Der Einsatz von externen Personalressourcen hat viele Vorteile: Es findet ein Wissenstransfer ins Unternehmen statt, nur kurzzeitig benötigtes Spezialwissen kann schnell und gezielt eingesetzt werden und die Arbeit in interdisziplinären und durch externe Impulse ergänzten Teams (z.B. im Forschungsbereich) birgt häufig große Innovationspotentiale. Dies alles hilft, die Krise schnell zu überwinden und Deutschland zukunftssicher aufzustellen.

IT Freelancer Magazin: Herr Frischmuth, Herr Jagemann, herzlichen Dank für das Gespräch.

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