IT im Roman (Teil 08): EMP von Eva Marbach

Klaus-Michael Vent, IT Freelancer mit Schwerpunkt Hostrechner, ist inzwischen Stammautor des IT Freelancer Magazins. Unter seinem Tag it-im-roman finden sich alle Teile dieser Serie, die er im IT Freelancer Magazin veröffentlicht hat. Unter seinem Tag it-im-sachbuch finden sich all seine (Hör-) Buchrezensionen zu Sachtexten, die er im IT Freelancer Magazin veröffentlicht hat.

 

Nach den diversen Artikeln über die Technik und ihre Einflussnahme auf unser aller Leben und sogar das Leben in von uns gelesenen Romanen bzw. gehörten Hörbüchern möchte ich diesmal den entgegengesetzten Weg einschlagen: Was wäre, wenn alle Technik, insbesondere IT, durch Katastrophen wie die unten dargestellten mehr oder weniger plötzlich aus unserem Leben verschwindet?

Okay, wir Computerfreaks würden arbeitslos… aber geht es vielleicht auch noch schlimmer? Würden wir vielleicht in eine aus zahlreichen Filmen bekannte Post-Doomsday-Welt stürzen (der bekannteste Bewohner solcher Dystopien dürfte Mad Max sein) und nach unzähligen Anschlägen auf unseren Tastaturen uns nun selbst durchaus handfesten Anschlägen durch üble Gestalten wie die um den letzten Tropfen Benzin kämpfenden Mohawk-Biker erwehren müssen?

Zunächst eine kurze Aufzählung einiger Weltuntergangsszenarien, die tatsächlich im Leben nicht weniger Bewohner unserer Welt eine Rolle spielten und sicherlich eine neue Art des Katastrophenromans, wie meine u.a. Beispiele bezeugen, beeinflussten:

  • Kurz vor dem Jahr 1000 glauben Christen an Jesu Wiederkehr und den Weltuntergang bzw. das Jüngste Gericht, was sich bei höchst irdischer Gerichtsbarkeit unter anderem in Hexenverfolgungen äußert. Der (nicht nur) Jugendbuchautor Kai Meyer hat darüber ausgerechnet im Jahr 1999 den Roman „Jenseits des Jahrtausends“ geschrieben – im Hinblick auf den Millenium Bug (s.u.)?
  • Laut Wikipedia geht die Geschichte des Preppens (getreu dem Pfadfinderspruch „Be prepared = allzeit bereit!“) auf das 19. Jahrhundert zurück. Während des Bürgerkrieges in den USA war die Bevölkerung häufig von einer mangelhaften Lebensmittelversorgung betroffen und gezwungen, wenn möglich, Lebensmittel zu bevorraten.
  • Mit der Verbreitung der PCs in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts berichten schon Szene-Magazine in unglaublich spannenden Artikeln über die aufopferungsvollen Experimente von Junkies, die versuchen, eine Zeitlang (5 Minuten? eine Stunde? einen Monat?) ohne Segnungen der Zivilisation wie Handy/Internet/den PC und die darauf befindlichen Spiele usw. durchzuhalten… Die meisten scheitern gnadenlos, obwohl sie geringfügig weniger wichtige technische Gegenstände wie Kühlschrank, WC, Backofen, Auto usw. noch problemlos nutzen können.
  • 1999/2000: Selbst aus heutiger Sicht künftige Silvester-Unruhen in Großstädten werden wohl mit weniger Spannung erwartet als damals das Zuschlagen des schrecklichen Millenium Bug. Aus den USA kommen – ernstgemeinte – Berichte über Prepper, die Bunker bauen oder in die Wüste ziehen, um dem gefürchteten Zusammenbruch aller Technik durch eine allzu sparsam verwendete Anzahl von Datumsziffern auszuweichen. Sie wissen: Homo homini lupus = (frei nach Plautus) Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, soll heißen: Das schlimmste Raubtier für den Menschen sind andere Menschen.

Selbst in Deutschland trifft man Vorsichtsmaßnahmen: Auf dem Parkplatz eines großen Versicherungskonzerns, für den ich zu der Zeit arbeite, werden für die Nacht aller Nächte Dixi-Klos aufgestellt. Der Bug könnte schließlich auch durch die (computergesteuerten?) hausinternen Toiletten angreifen.

  • Nach 2000 gibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz indirekt den von Teilen der Bevölkerung verlachten Preppern Recht mit der Aufforderung, Vorsorge für den Katastrophenschutz zu betreiben, siehe  https://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/VorsorgefuerdenKat-fall/Checkliste/Checkliste.html 
  • 2007/8 Finanzkrise, 2011 f. EU- bzw. Eurokrise, die Flüchtlingskrise steht vor der Tür. Zwar versagt noch nicht flächendeckend die Technik, aber Romane wie die u.a. entstehen.
  • 2012: Das im Maya-Kalender angekündigte Ende der Menschheit bleibt (vorerst) aus. Es gibt allerdings einen die Stimmung gut einfangenden Katastrophenfilm von R. Emmerich zum Krisenjahr, in dem John Cusack gefühlt alle fünf Minuten mit dem Auto frisch entstehenden Erdbebenlöchern oder mit dem Flugzeug kollabierenden Wolkenkratzern um wenige Millimeter ausweichen kann.

Trotzdem kann er einen Denkfehler nicht verhindern: Moderne (Noah-) Archen sollen Milliardäre vor der Sintflut retten, aber wer baut – falls man überlebt – die Welt wieder auf? Man hätte also lieber Handwerker an Bord nehmen sollen, weil man schon in guten Zeiten kaum einen solchen zu Reparaturzwecken ins Haus locken kann.

Die Reichen könnten allenfalls so lange auf ihrem Kahn dahindümpeln, bis eine Schraube locker wird… was Cusack dann am Ende beweist, indem er ein kaputtes Teil austauscht und sich somit, obwohl alles andere als Milliardär, einen Platz auf der Arche erkauft.

 

Chronologie einer Auswahl von Ende-aller-Technik-Romane; entsprechend dem deutschen Erscheinungsjahr des (Hör-) Buchs:

a.

Andreas Eschbach
Ausgebrannt
Hörbuch, 8 CDs, ca. 576 Min.
Bergisch-Gladbach 2007: Bastei-Lübbe
„bearbeitete Fassung“, gelesen von Ulrich Noethen

Der Welt geht das Öl aus, aber ein Forscher scheint noch eine Methode zur Gewinnung dieses Rohstoffs gefunden zu haben.

b.

Susan B. Pfeffer
Die Verlorenen von New York
Hörbuch, 5 CD (ca. 375 Min.)
gelesen von Sascha Rotermund
Hamburg 2011: Hörbuch Hamburg, Edition Silberfisch

Ein Komet ist auf den Mond geprallt und hat diesen näher an die Erde geschoben. Die Folgen sind gewaltige Überschwemmungen, und daraus resultieren wiederum weitere Umweltprobleme, Ausfall von Elektrizität, Vulkanasche in der Luft, zum Teil auch gestörte Radio- und Fernsehsender und vieles mehr.

c.

Marc Elsberg
Blackout – morgen ist es zu spät
Hörbuch, Audible-Download 2012 (ca. 22 Std.) vollständige Lesung von Steffen Groth

Fast europaweiter Stromausfall – durch Terrorismus? Elsberg hat nur einige Situationen weitergesponnen, die tatsächlich so oder so ähnlich in kleinerem Ausmaß in den letzten Jahren passiert sind.

d.

Adrian J. Walker
Am Ende aller Zeiten
Hörbuch, 2 mp3-CDs
Berlin 2016: Argon Hörbuch; ca. 12 Stunden, 30 Min.
vollständige Lesung durch Uve Teschner

Ein Meteoritenschauer zerstört große Teile der Welt oder zumindest des Vereinigten Königreichs Großbritannien. Der reichlich durchschnittliche Familienvater Edgar muss über sich selbst hinauswachsen, um sich zwischen Plünderern, (para-) militärischen Gruppen usw. zu behaupten und sich von Schottland aus nach Cornwall durchzuschlagen, wohin Rettungskräfte seine Frau und seine Kinder transportiert haben. Menschen, Tiere, die Landschaft, das Meer – alles scheint sich gegen seine kleine Gruppe verschworen zu haben…

Obwohl alle Beispiele lesens- bzw. hörenswert sind, möchte ich wegen seiner Nähe zur Prepper-Szene und zum Sachbuch den folgenden, vielleicht etwas weniger bekannten „Survival-Roman“ ausführlicher vorstellen:

 

EMP – ein Survival-Roman

von

Eva Marbach

Breisach 2009
Eva Marbach Verlag
284 Seiten

 

EMP steht für Electro Magnetic Pulse. „Ein EMP-Schlag könnte beispielsweise durch eine kleine oder mittlere Atombombe ausgelöst werden, die in 50 km Höhe in der Stratosphäre gezündet wird.“ Als Reaktion darauf, hier offenbar verursacht durch einen terroristischen Anschlag in naher Zukunft, funktioniert kein elektrisches Gerät mehr, und in der Folge gibt es natürlich in den Haushalten kein fließendes Wasser, keine Heizung mehr und so weiter und so schlimm. Straßenverkehr, öffentliches Leben, Internet und Telefonie brechen zusammen. Plünderungen und Schlägereien sind an der Tagesordnung.

Zum Glück haben die Hauptfiguren – eine davon mit Namen Eva! – eine solche Katastrophe vorausgeahnt und leben in einer alten Gärtnerei mit Obstbäumen, wo sie selbst Lebensmittel anpflanzen, besitzen nützliche Geräte wie ein Weltempfänger-Radio, Batterien, primitive Waffen, Generatoren, Medizin und vieles mehr.

Weiterhin wohnen sie in einer ländlich-bäuerlichen Umgebung, so dass sie fehlende Ressourcen schnell gegen einige der von ihnen gehorteten Vorräte eintauschen können. Dabei denken sie natürlich nicht nur an sich, sondern edelmütig auch an die vielen Menschen draußen im Land, die schlechter dran sind. Und sie haben scheinbar ihr Leben lang auf eine solche Situation hin geplant, so dass sie kein negativer Aspekt der techniklosen Zeit aus der Ruhe bringen kann.

Evas Abenteuer wechseln sich mit denen ihrer Kinder ab (eine alleinerziehende Mutter und Hotelangestellte, ein Mathematikstudent, ein Bauarbeiter, die allesamt in anderen Gegenden hausen), die sie zum Glück frühzeitig überreden konnte, sich Notfallrucksäcke mit den am dringlichsten benötigten Utensilien für ein solches Szenario zuzulegen.

Trotz des etwas holprigen Stils, zum Teil in Umgangssprache, und der wie mit einem Salzstreuer über den Text verteilten Kommata ist dies ein Roman, den man nicht leicht aus der Hand legt, vielleicht wegen der Unmittelbarkeit der dargestellten Ereignisse, die man sich z.B. angesichts der Atom-Katastrophe in Japan nur zu gut vorstellen kann. Wie schon in S. B. Pfeffers „Die Verlorenen von New York“ (s.o.) ist es spannend, mitzuerleben, wie verwöhnte Zivilisationsmenschen sich vor Raub schützen, mit Bundeswehr-Einmann-Tagesrationen über die Runden kommen oder einfach nur eine Art Ersatzklo bauen müssen.

Die Geschichten um die jüngere Generation sind dabei spannender als die der perfekt durchorganisierten Eltern, die sofort zu jedem handwerklichen, technischen oder medizinischen Problem eine Lösung zu wissen scheinen. Interessant ist beim Vergleich mit S. Pfeffer, dass die Gewaltbereitschaft der New Yorker im Vergleich zu EMP deutlich heruntergespielt wurde. In den von Marbach geschilderten deutschen Städten hingegen „tobt der Bär“, und so scheint auch die Selbstjustiz des Bauarbeiters und Ex-Soldaten Fritz schlussendlich angebracht.

Der Roman ist mit fast 20 Euro etwas überteuert. Auf der Internet-Seite  http://z-e-i-t-e-n-w-e-n-d-e.blogspot.com/2011/02/sonnensturm-polumkehrung-stromausfall_10.html, auf der der Menschheit ein ähnliches Schicksal wie im Roman durch den für spätestens 2012 vermuteten Sonnensturm vorausgesagt wurde, kann man das Buch jedoch auch gratis als Datei herunterladen. Nicht nur dort stößt der geneigte Leser auf eine regelrechte Szene oder Community, die sich in letzter Zeit immer stärker mit drohenden weltweiten Katastrophen und deren Folgen und mögliche Vorbereitungen darauf befasst – irgendwie passend zu jüngeren Endzeit-Filmen.

 

Die Autorin

Eva Marbach (Jahrgang 1962) schreibt als Heilpraktikerin sonst Sachbücher zu allen möglichen medizinischen Themen, hat aber auch weitere Katastrophen-Romane z.B. über den künftigen Mangel an Erdöl herausgebracht. Etwas sachbuch-artig erscheinen dann auch die für einen Roman untypischen Aufzählungen, was denn alles in einen Notfallrucksack gehört und manches mehr. Als kleines Zugeständnis an die romantischer veranlagten Leser oder vielmehr Leserinnen wirkt es dann bei aller Sachlichkeit ein wenig aufgesetzt, dass alle drei Eva-Kinder im Laufe der Handlung trotz oder gerade wegen der weltweiten Umwälzungen einen (neuen) Lebensgefährten finden. Hoffnung!

 

Der Autor dieser Zeilen

 … wurde als Dosenfoodjunkie durch die Bibel der Krisenvorsorge, das Buch „Finanzcrash“ von Gerhard Spannbauer (Rottenburg: Kopp Verlag, 2009) erstmalig auf das Thema – Lagerung, Selbstverteidigung, (legale) Waffen usw. – aufmerksam. Darin besonders erschreckend: Die drastische Darstellung des sog. Overrather Kartoffelkriegs 1923 im Bergischen Land bei Overath, in dem Städter aus Köln gegen die in der Weltwirtschaftskrise besser dastehenden Bauern im Umland antraten. Wie oben gesagt: Homo homini lupus.

Aber keine Angst. Zumindest das Internet scheint bei den künftigen Technik-Ausfällen ersetzbar. Der österreichische Survival-Coach Jürgen Gerzabek spricht vom „ancient world wide web; eine Art Telepathie, erlernbar in seinen Scout-Lehrgängen, die Zivilisationsmenschen wieder den ursprünglich jedem Naturburschen innewohnenden Fähigkeiten nahebringen …

 

Im nächsten Teil IT im Roman: Mein Endkunde, mein Kopf(geld)jäger und ich.

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