Interview: Neuer Verband der Personaldienstleister – mit Carlos Frischmuth

Carlos Frischmuth ist Gründungsmitglied und Sprecher der Allianz für selbständige Wissensarbeit (ADESW). Die Allianz fordert mit ihrer Kampagne Experten-Arbeit-Stärken mehr Auftrags- und Rechtssicherheit für Freelancer, freie Experten und Selbstständige. Herr Frischmuth ist als Director bei der HAYS AG tätig und verantwortet zusätzlich seit November 2013 die Hauptstadtrepräsentanz von HAYS.

1.) Sie sind Sprecher des neu gegründeten ADESW. Können Sie diesen kurz vorstellen?

Die führenden Personaldienstleister Deutschlands haben sich zur Allianz für selbständige Wissensarbeit (ADESW) zusammengeschlossen. Dabei stehen unsere Mitglieder für einen Branchenumsatz von 15 Milliarden Euro im letzten Jahr und für mehr als 4500 interne Mitarbeiter, sowie durchschnittlich 20.000 Projekte bei 5000 Kunden, die wir mit selbstständigen Experten besetzen. Die selbstständigen Experten vermitteln wir dabei in die gesamte deutsche Wirtschaft, vom DAX-Unternehmen, über den Mittelständler, bis hin zu Startups. Unser Ziel ist es, der Politik auf Augenhöhe zu begegnen und sinnvollen und zukunftsfähige Rahmenbedingungen für den projektbasierten Einsatz hochqualifizierter, selbständiger Wissensarbeiter aktiv mitzugestalten.

2.) Mitglieder des ADESW sind große Personaldienstleister im IT Freelancer-Markt – in welchen Bereichen sehen Sie Konflikte zwischen Ihren Interessen und denen der IT Freelancer.

Ich sehe keinen Konflikt, ganz im Gegenteil: wir sitzen im selben Boot! Wir sind davon überzeugt, dass für eine zukunftsfähige Wettbewerbsfähigkeit und hohe Innovationskraft in deutschen Unternehmen ein optimaler Mix aus festangestellten Mitarbeitern, temporären Mitarbeitern im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung und projektbasiert eingesetzten Freiberuflern wichtig ist. Daher setzen wir uns auch für eine für alle Beteiligten faire und funktionierende Ausgestaltung ein. In den vergangenen Monaten habe ich von vielen Freiberuflern, die nicht immer die größten Freunde der Personaldienstleister waren, äußerst positives Feedback bekommen. Ich glaube, dass wir bei den politischen Themen zum großen Teil gemeinsame Interessen vertreten.

3.) Gibt es für Sie neben der Öffentlichkeitsarbeit noch weitere wirkungsvolle Instrumente auf eine positive Entwicklung des IT Freelancer Marktes hinzuwirken?

Öffentlichkeitsarbeit ist eines von vielen sinnvollen Instrumenten, die wir zur Interessenvermittlung nutzen. Mit der ADESW als Plattform sind wir darüber hinaus im politischen Berlin sehr gut vernetzt und stehen in einem ständigen und intensiven Dialog, sowohl mit den zuständigen Ministerien, dem Kanzleramt sowie den zuständigen Mitgliedern des Deutschen Bundestages. Gerade diese persönlichen Gespräche, zu denen uns auch schon betroffene Freelancer begleitet haben, öffnet dem ein oder anderen die Augen, welche Auswirkungen bestimmte Regulierungen auf selbstständige Experten haben, die vom Gesetzgeber so nie gewollt waren. Ein nächster Schritt ist die Erweiterung der Datengrundlage. Wir wollen über Fakten sprechen und nicht mutmaßen. Es gibt nach wie vor erschreckend wenig gesicherte Zahlen und Daten über die Gruppe hochqualifizierter Selbständiger in Deutschland, Europa und darüber hinaus. Um diese Grundlage zu schaffen, arbeiten wir mit Wissenschaftlern und Instituten aus dem Bereich der Arbeitsmarktforschung zusammen.

Außerdem befassen wir uns mit den Zukunftsthemen des „Arbeitsmarktes von Morgen“ für Freelancer. Hier reden wir von der sozialen Absicherung im Alter, aber auch über praktische Herausforderungen und Lösungswege für eine Verbesserung von Prüfverfahren, wie beispielsweise dem veralteten Statusfeststellungsverfahren der DRV Bund.

4.) Existieren bei den jeweiligen politischen Parteien erkennbare Unterschiede bezüglich der Unterstützung von IT Freelancern?

Sie werden sich wundern: schon innerparteilich gibt es große Unterschiede beim Kenntnisstand und bei der Bewertung gegenüber der wachsenden und für unser Land und seine wirtschaftliche Entwicklung entscheidenden Gruppe der selbständigen Experten. Über die Parteien hinweg sind die Unterschiede immens. Das erhöht die Schwierigkeit für uns, mit den entsprechenden Botschaften auch die unterschiedlichen Reifegrade zu adressieren.

5.) Haben Sie hierfür konkrete Beispiele?

Konkrete Initiativen aus der Politik bezüglich der Unterstützung von IT Freelancern sind tatsächlich über die verschiedenen Parteien hinweg rar gesät. Hierzu verweisen wir regelmäßig auf den Koalitionsvertrag, in dem die selbständigen IT-Experten als förderungswürdige Gruppe benannt werden. Trotzdem wurden sie in dieser Legislaturperiode stiefmütterlich behandelt. Auch bei der Förderung der Digitalwirtschaft und der Gründerkultur in Deutschland wünschen wir uns deutlich mehr Unterstützung vom Staat.

Im Grunde bekleckert sich hier keine der aktuellen Regierungsparteien mit Ruhm. Einzelne Politiker aus den Wirtschaftsflügeln sind zum Glück auf unserer Seite. Viele Angeordnete sind auch noch zu stark in der „old economy“ verhaftet, da brauchen wir dringend ein Umdenken.

6.) Andere Verbände pflegen Übersichten und Bewertungen, welche politischen Parteien welche Positionen zu den Verbands-relevanten Themen einnehmen. So steht den Interessierten ein Instrument zur politischen Willensbildung zur Verfügung. Ist so etwas Ihrerseits geplant?

Wir arbeiten stetig an der Ausdifferenzierung der politischen Positionen der für uns relevanten Themen und versuchen unsere Positionen den Arbeitsmarkt- und Sozialpolitikern der Bundestagsfraktionen darzulegen. Das sind keine statischen Bewertungen.

Dennoch ist eine Übersicht und Bewertung der grundsätzlichen Positionen der einzelnen politischen Parteien zu den für die Freiberufler- bzw. Dienstleistercommunity relevanten Aspekten sicher eine gute Idee. Wir sind immer dankbar für Gedankenanstöße dieser Art. Wichtig bleibt für uns aber immer der Dialog mit den Parteien und den zuständigen Politikern, denn Parteiprogramme spiegeln auch nicht immer die Meinung aller Abgeordneten wider.

7.) Welches ist Ihr wichtigstes Projekt im Halbjahr 2016?

Wir nutzen die Sommerpause vor allem zur inhaltlichen Arbeit. Besonders im Hinblick auf die kommenden Wahlen und die nächste Legislaturperiode gilt es frühzeitig die Themensetzung strategisch zu begleiten. Damit meine ich insbesondere das große Thema der Altersvorsorge und die in dem Kontext diskutierte Einbeziehung Selbständiger. Aber weiterhin aktuell bleibt auch die Problematik des rückwirkenden, langwierigen und unsicheren Statusfeststellungsverfahrens als Prüfpraxis zum Selbstständigenstatus.

Darüber hinaus planen wir Studien, Broschüren und auch politische Veranstaltungsformate in Berlin zu den bereits angesprochenen „neuen“ Themenfeldern, da auch hier die Faktenlage diffus ist und jede Partei die Argumente so aufbaut, wie es eben am besten in die eigene Kommunikationsstrategie passt. Wenn Sie die Medienwelt in Deutschland beobachten, hören Sie aktuell aus der Ecke von Frau Nahles „Selbständige sorgen nicht für ihr Alter vor und fallen dem Staat dann auf die Tasche“. Man konstruiert daraus geschickt ein gesellschaftspolitisches Narrativ, dem auch die anderen Parteien folgen und das findet je nach Wahlergebnis Eingang in den nächsten Koalitionsvertrag. So entstehen am Ende wieder neue Gesetze und der Freiberufler muss das am Ende ausbaden. Auf eines können Sie sich verlassen: wir werden als ADESW dagegen halten, mit allen Mitteln, und natürlich hoffen wir, wie schon zuvor, auf eine breite Unterstützung der Freelancer Community!

Herr Frischmuth, herzlichen Dank für dieses Interview!

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