Ob in der Automobilbranche, im Finanzsektor oder auch im produzierenden Gewerbe: Der War for Talents spitzt sich weiter zu – laut Bitkom gibt es 2021 96.000 offene Stellen im IT-Bereich. Zum Vergleich: 2010 waren es gerade einmal 28.000. Was für Unternehmen jedoch zunehmend zum Bedrängnis wird, ist für IT-Expert*innen eine höchst komfortable Lage. Denn anstatt sich die Frage stellen zu müssen, ob sie überhaupt eine Arbeitsstelle finden, geht es bei IT-Fachkräften vielmehr um das „Wo“ und vor allem „Wie“. Lieber in einer Festanstellung oder als Freelancer*in arbeiten? Beide Formen haben ihre Vor- und Nachteile. Nachfolgende Aspekte sollen IT-Fachkräften dabei helfen, die richtige Wahl zu treffen.

Maximale Flexibilität oder eine klare Struktur?

Als Freelancer*in hat man die Freiheit und Flexibilität, sich die Arbeitszeit und den Arbeitsort frei einzuteilen. So kann man das Arbeitsleben optimal an die persönlichen Bedürfnisse und den eigenen Lebensstil anpassen. Nicht selten sind IT-Spezialist*innen Nachteulen, die tagsüber lieber länger schlafen. Die Kehrseite: Aus einer Work-Life-Balance kann schnell ein Work-Life-Blending werden, die Arbeits- und Freizeit vermischen sich und eine klar definierte Zeit zur Erholung kann der ständigen Erreichbarkeit weichen. Was jedoch nicht bedeutet, dass die generelle Arbeitszeit deutlich höher ist als bei IT-Expert*innen in der Festanstellung. Beträgt die Arbeitszeit bei Letzteren etwa 35 bis 40 Stunden pro Woche, bringen es Freelancer*innen im Schnitt (Ausreißer*innen gibt es natürlich immer) auf etwa 41 Wochenstunden, wobei ein Teil dieser Zeit für Akquise, Buchhaltung und Co aufgewendet wird. In einer Festanstellung fallen fachfremde Tätigkeiten eher weg und die Arbeitszeiten sind klar definiert – jedoch muss sich auch das Privatleben daran orientieren. Aufgrund der veränderten Arbeitswelt durch die Pandemie gibt es nun zwar flexiblere Arbeitsmodelle – von remote über Homeoffice bis hin zu hybriden Ansätzen –, unterm Strich ist man als Freelancer*in jedoch nach wie vor flexibler.

Freiheit und Ungebundenheit oder Safety First?

So schön die Freiheit als Freelancer*in auch ist – sie kommt nicht ohne zusätzliche Kosten. Während sich Festangestellte beispielsweise über ein festes Gehalt im Monat freuen können, im Krankheitsfall Lohnfortzahlung bekommen und manchmal Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld und leistungsbezogene Prämien erhalten, sieht es auf Seite der Freelancer*innen nicht ganz so rosig aus: Weiterbildungen und Equipment müssen selbst bezahlt werden, im Krankheitsfall kommt kein Geld in die Kasse und für die Rente wird selbst vorgesorgt. Auch für Leerlaufzeiten bzw. Krisen muss ein Plan her – denn dass der stete Einkommensstrom trotz hoher Nachfrage nicht per se gesichert ist, hat die Pandemie bewiesen: Zu Beginn haben Unternehmen Projekte verschoben oder sogar abgebrochen, laut einer 2020 getätigten Umfrage der Freelancer-Plattform projektwerk hatten 64% der Befragten Probleme neue Aufträge zu erhalten, ebenso viele hatten laufende Projekte durch Stornierungen verloren.

Beständiger Wandel oder Beständigkeit?

Der Arbeitsalltag von Freelancer*innen lässt sich durch das projektbasierte Arbeiten abwechslungsreich gestalten – Freelancer*innen haben die freie Wahl, für welches Projekt sie sich bewerben oder welchen Auftrag sie annehmen möchten. Damit ist es oft einfacher in neue Themen einzutauchen oder sich beruflich weiterzuentwickeln und das eigene Know-how zu erweitern. Jedes Projekt bringt neue Herausforderungen mit sich, die es zu meistern gilt. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, sich regelmäßig mit neuen Inhalten, Tools und Problemen auseinandersetzen zu müssen. Dem gegenüber bietet die Festanstellung eine Kontinuität. Die Mitarbeitenden arbeiten über einen langen Zeitraum an ausgewählten Themen und haben wiederkehrende Aufgaben. Es ist somit wesentlich einfacher, sich tiefer in ein bestimmtes Thema einzuarbeiten und langfristige Geschäftsbeziehungen zu pflegen.

„Einsamer“ Wolf oder Rudeltier?

Freelancer*innen sind in der Regel auf sich allein gestellt. Zwar arbeiten sie mit Kund*innen zusammen, sind jedoch nie Teil des Unternehmens. Unter Umständen kann es also vorkommen, dass sie die Kolleg*innen, die auch am Projekt beteiligt sind, gar nicht kennenlernen. Durch die orts- und zeitflexible Arbeitsweise kann schneller ein Gefühl der Einsamkeit entstehen als im festen Team, wo es jederzeit möglich ist, sich mit Kolleg*innen auszutauschen. Andererseits haben Freelancer*innen die Möglichkeit, sich Arbeitgeber*innen und Teampartner*innen auszusuchen und unterschiedliche Unternehmensphilosophien kennenzulernen. Fühlen sie sich einmal im Projekt nicht wohl, können sie die Zusammenarbeit schneller beenden. Zudem gibt es mittlerweile einige Communitys, in denen sich die Freelancer*innen austauschen und vernetzen können. Die Möglichkeit, Team und Arbeitgeber*in flexibel zu wechseln, besteht in der Feststellung nicht. Hier haben die Mitarbeitenden ein meist festes soziales Umfeld, sodass sie ihre Kolleg*innen entweder jeden Tag im Büro sehen oder sich bei flexiblen Arbeitsmodellen virtuell austauschen können. Zudem sind sie durch Firmen- oder Teamevents oder gemeinsame Weiterbildungen in das Unternehmen integriert. Das macht es für Angestellte umso wichtiger, sich mit der Unternehmenskultur identifizieren zu können.

Verantwortung selbst balancieren oder auf mehreren Schultern verteilen?

Freelancer*innen arbeiten selbstbestimmt und können Projektinhalte und ihre Vorgehensweise frei strukturieren. Damit tragen sie natürlich auch die Verantwortung, das mit den Kund*innen vereinbarte Ziel eigenständig zu erreichen oder nach dem Abschluss neue Projekte zu akquirieren. Der*die eigene Chef*in zu sein, bedeutet in jedem Fall viel Bürokratie und administrativen Aufwand. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Thema Weiterbildung: Eigeninitiative ist gefragt und Fortbildungen müssen selbst gesucht und bezahlt werden.
In einer Festanstellung gibt es in der Regel einen vordefinierten Rahmen, in welchem Aufgaben erledigt werden sollen. Die enge Zusammenarbeit mit Kolleg*innen oder der Führungskraft eröffnet die Möglichkeit, sich durch den Austausch weiterzubilden und sein Know-how zu erweitern. Zusätzliche Weiterbildungen werden in der Regel vom Unternehmen organisiert und bezahlt.

Wer die Wahl hat, hat die Qual?

Wer Sicherheit, beständige Themen und ein konstantes soziales Umfeld bevorzugt, ist in der Festanstellung sicher gut aufgehoben. Ein geregeltes Einkommen und eine klare Struktur machen das Arbeitsleben, aber auch die freie Zeit besser planbar. Wer sich jedoch gerne in regelmäßigen Abständen neuen Herausforderungen stellt und dauerhafte Abwechslung im Arbeitsalltag sucht, ist mit dem Schritt in eine Selbstständigkeit gut beraten. Falls dieser am Anfang durch die hohe Verantwortung und Planungsunsicherheit zu groß scheint, kann sich dem Thema auch erst einmal schrittweise mit der Umsetzung von kleineren, nebenberuflichen Projekten genähert werden.

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Arne Hosemann ist Mitgründer von Expertlead und verantwortet innerhalb der Geschäftsführung die Bereiche People, Product, Strategy, Finance und Operations. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen eine globale Community hochqualifizierter IT-Expert*innen aus den Bereichen Softwareentwicklung, Data Science, Produkt-/Projektmanagement, Solution Architecture und UX/UI-Design aufgebaut. Expertlead unterstützt Kunden beim Finden, Evaluieren und Einstellen von selbständigen wie auch festangestellten IT-Expert*innen. Neben dem Einsatz innovativer Recruiting-Software, setzt das Unternehmen dabei auf die Expertise der eigenen IT-Community, um die Qualifizierung von IT-Fachkräften anhand technischer Interviews von remote zu prüfen.

4 Kommentare

  1. Kai Bräutigam on

    Ein bisschen deplatziert das Thema in einem Magazin für Freelancer, oder nicht? Wie wäre es, das Thema ANÜ zu behandeln, denn leider scheint dies ja immer mehr Auftraggebern sicherer zu sein, als einen Freelancer zu engagieren. Stichwort: Scheinselbstständigkeit.

    • Björn Brand on

      Hallo Herr Bräutigam,
      herzlichen Dank für Ihren Hinweis zum Thema ANÜ, das nehmen wir gerne auf!
      Der Artikel richtet sich an diejenigen Freelancer, die noch am Anfang Ihrer Reise stehen und noch für sich herausfinden müssen, welches Arbeitsmodell den persönlichen Zielen am Besten entspricht.
      Natürlich muss ich Ihnen Recht geben, dass erfahrene Freelancer diese Entscheidung schon für sich getroffen haben und ein sehr gefestigtes Meinungsbild besitzen. Doch auch hier könnte es ja aufgrund von Änderungen im privaten Umfeld (z.B. Familienplanung, Reise- und Risikobereitschaft, Rente etc.) auch zu einer erneuten Abwägung der Situation kommen.
      Beste Grüße aus der Redaktion
      Björn Brand

  2. Kai Bräutigam on

    Ein bisschen deplatziert das Thema in einem Magazin für Freelancer, oder nicht? Wie wäre es, das Thema ANÜ zu behandeln, denn leider scheint dies ja immer mehr Auftraggebern sicherer zu sein, als einen Freelancer zu engagieren. Stichwort: Scheinselbstständigkeit.

    • Björn Brand on

      Hallo Herr Bräutigam,
      herzlichen Dank für Ihren Hinweis zum Thema ANÜ, das nehmen wir gerne auf!
      Der Artikel richtet sich an diejenigen Freelancer, die noch am Anfang Ihrer Reise stehen und noch für sich herausfinden müssen, welches Arbeitsmodell den persönlichen Zielen am Besten entspricht.
      Natürlich muss ich Ihnen Recht geben, dass erfahrene Freelancer diese Entscheidung schon für sich getroffen haben und ein sehr gefestigtes Meinungsbild besitzen. Doch auch hier könnte es ja aufgrund von Änderungen im privaten Umfeld (z.B. Familienplanung, Reise- und Risikobereitschaft, Rente etc.) auch zu einer erneuten Abwägung der Situation kommen.
      Beste Grüße aus der Redaktion
      Björn Brand

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