Freiberufler-Spitzen: Die Duftmarke

Woher weiß ein Grizzly-Bär in der kanadischen Wildnis, ob er gerade durch das Revier eines anderen Bären streift? Antwort: An der Duftmarke.

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Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Grizzly-Bär und stehen vollgepumpt mit Testosteron in der Wildnis und riechen die Duftmarke eines Mitbewerbers. Sie wollen aber auch Ihre einzigartigen Gene an die nächste Generation weiter geben. Was können Sie tun? Sie schnüffeln erst einmal und versuchen sich anhand des Geruchs ein Bild von Ihrem Mitbewerber zu machen. Wenn der Geruch weniger streng ist, nehmen Sie Ihre Bärentatze und verteilen die Duftmarke in alle Richtungen der kanadischen Wildnis und setzen Ihre eigene Duftmarke. Sie stolzieren etwas breitbeinig und machen sich bei jedem Schritt etwas größer als Sie eigentlich sind, um Ihrem Mitbewerber zu imponieren. Der ist ziemlich sauer, weil Sie seine Duftmarke platt gemacht haben. Daher gibt es wohl oder übel ein kleines Scharmützel, bei dem sie sich gegenseitig mit ihren Bärentatzen malträtieren. Der Gewinner des Scharmützels darf im gesamten Revier seine Duftmarke setzen und gewinnt als Bonus noch eine Nacht mit der Bärin.

Wie kam ich jetzt eigentlich auf Bären? Ach ja, ich wollte von unserem letzten Projekt erzählen. Meine Aufgabe als Teilprojektleiter war, die Produktbeschreibung für die neueste Laptop-Generation final mit allen Abteilungen im Unternehmen abzustimmen. Da der Laptop noch im Weihnachtsgeschäft lanciert werden soll hat der oberste Boss als Endtermin für alle Produktbeschreibungen und Dokumente den 31.Oktober festgelegt. Ein heiliger und unverrückbarer Termin. Daher müssen alle Dokumente am 10.Oktober final und abgestimmt vorliegen, damit das Ganze noch in die Druckerei kann.

So und was macht der Grizzly-Bär wenn jede Abteilung ein Bären-Männchen hat, die ihre Duftmarke setzen wollen? Hm, schwierig. Gut ich kann ich mich auf die Hintertatzen stellen, einmal laut brüllen und schon sind mir alle Abteilungen hörig. Doch leider funktioniert das im wirklichen Leben nicht. Mühsam versuche ich diplomatisch zunächst die Fachabteilung zu überzeugen.

Das Bären-Männchen ist sanft und mir wohl gesonnen und segnet die Dokumente ab.

Schon glaube ich mich am Ziel, als eine innere Warnung mir sagt: „Hole lieber noch Marketing und Vertrieb mit ins Boot. Die können sonst noch im letzten Augenblick den Termin platzen lassen.“

Ich schicke die Dokumente an Marketing mit dem Hinweis, dass der Vertrieb ebenfalls noch seinen Segen geben muss. Clever wie ich bin, sende ich zeitlich die gleiche Email an Vertrieb mit dem Hinweis, dass Marketing noch seinen Segen geben muss.

Marketing zeigt sind unbeeindruckt. Nachdem sie sich viel Zeit gelassen haben, die Dokumente zu prüfen, kommt eine strenge Email an mich mit folgendem Wortlaut: „Die Dokumente entsprechen nicht dem zuletzt verabschiedeten Corporate Design und können so auf keinen Fall raus gehen. Mit diesem Blau-Ton blamieren wir uns draußen bis auf die Knochen.“

Gerade denke ich noch: „Na wenn das alles ist. Das Thema „Blau-Ton ist schnell erledigt“ habe ich eine neue Email mit „Priorität“ im meinem elektronischen Postkasten. Die Produktabteilung – Vertrieb – meldet sich zu Wort und ist der Meinung, dass die Produktbeschreibungen so auf keinen Fall rausgehen können. Die müssen unbedingt mit der juristischen Abteilung wasserdicht geklopft werden. Sonst gibt es im Nachhinein nur Ärger.

Verstehe einer die Welt. Sanft und nett schreibe ich dem Vertrieb: „ Wie können die Texte falsch sein, wenn die Fachabteilung sie frei gegeben hat?“

Aber es hilft alles nichts. Vertrieb beharrt auf die juristische Prüfung, sonst geben sie die Dokumente nicht frei. Die Zeit rennt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als an den Projektleiter zu eskalieren. Dieser ist die Endlos-E-Mails leid und ruft alle Beteiligten zu einer Krisen-Telko zusammen.

Fachabteilung und Vertrieb raufen sich am Telefon zusammen und einigen sich auf eine gemeinsame Formulierung. Ich ändere zum x-ten Mal den Entwurf und schicke ihn final noch mal an alle raus. Heute ist der 10.Oktober, um 18:00 ist e.o.B. (End of Business). Deadline! Wenn ich heute das Dokument nicht an die Druckerei raus kriege, können wir den Termin nicht mehr halten. Es ist 17:50 Uhr. Von allen habe ich die Freigabe bis auf Marketing. Auf E-Mails reagiert Monsieur nicht. Um 17:55 Uhr erreiche ich endlich den Abteilungsleiter von Marketing. Er hat Mitleid mit mir und gibt als Letzter frei.

Jetzt ab an die Druckerei. Geschafft! Endlich kann ich die Nacht mit der Bärin genießen. Ich liebe diesen Job!

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