Geh – und geh in Frieden

Hier findest Du Teil 1: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne (aus Freelancer-Perspektive)

Das Thema der Trennungs- und Kündigungskultur ist zwar in Managementlehre und Ratgeberliteratur angekommen, allerdings vor allem mit Fokus auf der Freistellung von Festangestellten. Der Personalabbau in großen Freelancerprojekten ist häufig „unentdecktes Land“ für Entscheider und Betroffene. Felix Stein von der DomusAurea Consulting GmbH & Co KG zeigt auf wie man damit umgeht.

Teil 2: Aus Managementsicht (bzw. als Leseempfehlung für den Kunden)

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Man kann es nicht anders sagen: Personalabbau als Folge von Sparprogrammen, Outsourcing oder Umstrukturierungen ist auf großen IT-Projekten mittlerweile Teil der normalen Abläufe. Immer häufiger gerät das Budget außer Kontrolle oder wird zusammengekürzt, was immer wieder zu dem selben Management-Reflex führt – der größte Ausgabenposten muss gekürzt werden, das Personal. Oft trifft es dabei als erstes die vergleichsweise teueren Freelancer, deren Einsatz damit früher als geplant beendet wird. Unabhängig von der Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens sollte man eigentlich erwarten können, dass sich alleine durch die so entstehende Routine eine Trennungskultur herausgebildet hat, die ein Auseinandergehen in konstruktiver Atmosphäre ermöglicht. Weit gefehlt. Noch immer verlassen viele vorzeitig nach Hause geschickte IT-Freiberufler ihre Kunden verprellt und verärgert. Die Ironie dieser Geschichte ist, dass das Verständnis der Freelancer für Management-Entscheidungen eigentlich größer ist als bei Festangestellten. Schließlich ist jeder selbstständig Tätige ein eigenes kleines Unternehmen, weshalb ihm unternehmerisches Denken nicht fremd ist. Eine gute Trennungskultur sollte auf daher auf dieser Erkenntnis aufbauen: ein Freelancer ist ein anderer Mensch als ein Festangestellter und sollte auch anders behandelt werden.

 

Ein Freelancer ist kein Angestellter

Um zu verstehen was bei der Trennung von Freiberuflern anders gemacht werden kann empfiehlt sich zunächst ein Blick in die „bekannte Welt“ der betriebsbedingten Kündigung von Festangestellten. Diese sind zum Zeitpunkt der Trennung seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten im Unternehmen und haben es häufig als Teil ihrer Identität angenommen. Nach so langer Zeit weggeschickt zu werden führt bei diesen Menschen verständlicherweise zu starken Emotionen, zu Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, Entsetzen. Es führt aber auch oft zu heftiger Gegenwehr, bei der Betriebsrat, Gewerkschaft und Arbeitsgerichte gegen den bisherigen Arbeitgeber in Bewegung gesetzt werden. Für diesen wird die Trennung dadurch zu einem Minenfeld. Im Bestreben die Entscheidung nicht angreifbar zu machen wird sie in sorgsam vorbereiteten, juristisch eindeutigen Schriftsätzen kommuniziert und meist nur unpersönlich und phrasenhaft begründet um den Anwälten möglichst wenig Munition zu liefern. Die moralische Dimension beiseitegelassen mag ein solches Verhalten Kontext von Kündigungen nachvollziehbar sein, bei der Trennung von Freelancern ist es das hingegen sicher nicht, schließlich wollen diese sich im Regelfall gar nicht binden. Bei ihnen besteht ein ganz anderes Risiko – man muss fürchten dass sie von jetzt an dem Unternehmen fernbleiben. Dieses ist die eigentliche Gefahr die ein Manager im Auge behalten muss, denn angesichts des Fachkräftemangels in der IT-Branche wäre es eine ausnehmend schlechte Idee seine Partner so zu behandeln, dass er an einer zukünftigen Zusammenarbeit kein Interesse mehr hat. Es bleibt nur die Frage: „Wie behandle ich ihn dann?“

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Nicht rauswerfen – beim Ausstieg helfen

Man muss sich nicht vormachen, Begeisterung wird man trotz allem bei keinem Freiberufler ernten wenn man ihm mitteilt, dass er das Projekt früher als geplant verlassen muss. Aber als ein eigener Unternehmer ist jeder Freelancer bereit wirtschaftliche Zwänge zu erkennen, so dass er die Beweggründe der Trennung zwar nicht gutheißen, zumindest aber akzeptieren wird. Anders als manche Festangestellten wird er sich auch nicht an den Job klammern, so dass eine ehrliche Aussprache ohne juristische Absicherung möglich ist. Ein harmonisches Verständnis muss und sollte in einem solchen Gespräch übrigens gar nicht im Vordergrund stehen. Viel wichtiger als freundliche Worte und nachvollziehbare Gründe wird für ihn bereits ein ganz anderer Punkt sein: Zu welchem Projekt geht es als nächstes? Und an dieser Stelle gibt es die Möglichkeit ihm weitgehend entgegenzukommen. Zum einen indem man ihm soweit wie möglich unter die Arme greift. Ein Empfehlungsschreiben für ein anderes Projekt im Unternehmen ist tausendmal mehr wert als ein Aufarbeiten irgendwelcher Ursachen und Befindlichkeiten. Zum anderen indem man ihm genug Freiraum für einen geordneten Übergang lässt. Akquise, Bewerbungen und Vorstellungsgespräche benötigen Zeit, so dass ihm in seinen letzten Tagen mit flexiblen Arbeitszeiten sehr geholfen sein wird. Zuletzt kann es sein, dass er sein Ausscheiden aus dem Projekt sogar vorziehen möchte, um eine andere Möglichkeit wahrnehmen zu können. Natürlich, trotz all diesem Entgegenkommen wird ein Freelancer nicht vergessen, dass er das Projekt vorzeitig verlassen musste. Er wird aber auch in Erinnerung behalten, dass ihm der Ausstieg so weit wie möglich vereinfacht wurde – auch das kann ein Argument für ihn sein, trotzdem für zukünftige Projekte zurückzukommen.

 

Dieser Artikel ist erstmals erschienen in der Printausgabe des IT Freelancer Magazins (Ausgabe 1/2014). Ausgesuchte Artikel der Print-Ausgabe werden nach und nach online gestellt.

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